Kragen: Nicht jedermanns Kragenweite

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 16/2019

Einst diente der Kragen dazu, den Hals fest zu umschließen, dann wurde er zunehmend offen getragen. Doch mit der Freiheit für den Hals scheint es nun vorbei zu sein: Aktuell sind wieder enge Kragen in Mode – und zwar solche der auffälligsten Sorte. In den Haute-Couture-Kollektionen von Givenchy, Giambattista Valli und Schiaparelli etwa waren breit ausladende Kragen zu sehen, die an Harlekin-Kostüme erinnerten. Und in der Herrenkollektion von Gucci erkannte man sogar ein einwandfreies Remake des Mühlsteinkragens, wie man ihn von Bildern spanischer Edelleute kennt. Warum sind exzentrische Kragen im Blickpunkt? Und warum wurden solche Krausen überhaupt einmal erfunden?

Krausenförmige Kragen waren charakteristisch für die Mode am spanischen Hof zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Sie hatten sich im 16. Jahrhundert aus dem schmalen Stehkragen entwickelt, an dem man eine kleine Krause ansetzte. Diese Krause wurde im Lauf der Zeit immer breiter. Sie war aus feinem bis grobem Leinen gefertigt, vielfach gefaltet – und sie machte das Leben kompliziert, denn Frauen waren gezwungen, ihre Frisuren aufgesteckt oder hochtoupiert zu tragen, und Männer mussten sich Bart und Haare kürzen lassen. Kein Wunder also, dass die Mode der riesigen Krausen – in Deutschland nannte man sie damals Mühlsteinkragen – in Spanien viele Kritiker hatte, unter ihnen auch der Schriftsteller Miguel Cervantes: "Die Halskrause und die Manschetten waren so übermäßig groß, dass in der ersten sich das Gesicht verbarg und begrub", ist in einer seiner Novellen zu lesen. Oft reichte der Mühlsteinkragen über beide Schultern hinaus. Um 1630 kamen die Mühlsteine wieder aus der Mode, nur in der konservativen niederländischen Frauenmode hielten sie sich bis 1660.

Zudem trug man die derart hinderliche Kleidung auch der Porträtmalerei wegen. Zwar konzentrierten sich die Maler zunehmend auf die Darstellung des individuellen Gesichts, sodass die Kleidung auf den Bildern in den Hintergrund rückte. Der weiße Kragen jedoch symbolisierte Wohlstand, denn er war kunstvoll aus edlem Stoff gestaltet. Zudem unterstrich seine Farbe die Reinheit von Träger oder Trägerin.

Auch heute spielen Porträts wieder eine herausragende Rolle – in Form von Selfies. Schon länger wird in der Mode die obere Körperhälfte betont, etwa durch Choker, Baretts, Schulterpolster oder eben jetzt durch die ausladenden Krägen. Weil wir die Menschen auf Selfies hauptsächlich in einem begrenzten Ausschnitt wahrnehmen, bekommt das, was bis zur Brust gesehen wird, größere Bedeutung. Und wenn das prächtig und nicht schmutzig ist, sieht es aus wie gemalt.

Foto: Peter Langer/Runde Sache: Mühlsteinkragen an einer Bluse von Coach NY

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