Harald Martenstein: Über eine leichtfertige Zusage mit nervenaufreibenden Folgen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 17/2019

Ich traf eine alte Freundin, die ich viele Jahre nicht gesehen hatte, nennen wir sie Steffi. Inzwischen besitzt sie einen kleinen Verlag.

"Wir machen ein Buch mit Texten über Deutschland, da passt dein alter Text über den Wannsee wunderbar rein. Kann ich den haben? Bezahlen kann ich aber nichts." Ich sagte so was wie: "Kein Problem." Wir waren bereits beim dritten Wein. Der Text war wirklich alt. Ich hatte keine Ahnung, ob ich den überhaupt noch finde.

Am nächsten Tag rief Steffi an. "Der Text, den du versprochen hast, muss aber überarbeitet und aktualisiert werden, ja? Und ein bisschen länger sollte er werden. Doppelt so lang ungefähr." Das Original hatte nach meiner Erinnerung vier oder fünf Seiten. Verdoppeln, das wären ein bis zwei Tage Arbeit. "Du, Steffi, dann kann ich es leider nicht machen. Ich hab grad viel um die Ohren. Das Kind ist krank, das neue Buch muss fertig werden, du weißt doch, wie es manchmal ist." Steffi war sauer. "Du hast zugesagt. Abgabe ist in vier Wochen."

Die vier Wochen waren total verplant. Was hatte ich da bloß zugesagt? Aber es gibt immer eine Widerrufsfrist, das stand so auf der Verbraucherseite. Ich erklärte Steffi, dass ich nur aus fünf Motiven arbeite, ansonsten nicht: weil es Spaß macht, weil es Geld bringt, weil es für eine gute Sache ist, weil ich muss oder weil es Ruhm und Ehre bringt. Mindestens einer dieser Punkte muss zutreffen, besser zwei. Ich sagte: "Ich seh hier keins dieser Motive." Sie: "Wir kennen uns doch." Ich: "Mein Terminkalender ist halt voll. Ein anderes Mal, okay?"

Das ist einige Monate her. In der Zwischenzeit hat Steffi etwa zwanzig Mal angerufen, auch am frühen Morgen oder spät am Sonntagabend. Ich habe leider nicht immer das Gleiche gesagt. Oft sagte ich: "Nein, verdammt noch mal." Dann wurde es ein langes Gespräch. Manchmal wollte ich einfach nur meine Ruhe haben oder saß an einer eiligen Arbeit. Dann sagte ich, um das Telefonat kurz zu halten: "Vielleicht, Steffi, ich denk drüber nach, lass uns in zwei Wochen reden." Oder so was. Ich dachte, das verschafft mir zwei Wochen Ruhe, erst mal. Irgendwann gibt sie auf. Am Ende habe ich Steffis Nummer blockiert. Auf Facebook soll Steffi sich über einen bekannten Autor beklagt haben, der fest zugesagte Texte einfach nicht liefert.

Sie kommt jetzt zu meinen Veranstaltungen. Sie sitzt in der ersten Reihe und fixiert mich. Nach der Veranstaltung kommt sie und fragt, wann ich endlich den Text abliefere. Alle anderen hätten inzwischen geliefert. Sie nennt etliche bekannte Autorennamen. Jetzt kann sie sich ganz auf mich konzentrieren. Vor Kurzem erst stand ich vor der Veranstaltung mit dem Moderator zusammen. Sie stellte sich dazu, ohne sich vorzustellen, und unterbrach das Gespräch, um ohne erkennbaren Anlass, aber sehr ausführlich zu schildern, welche grausamen Prozeduren ihr Zahnarzt letztens an ihr vorgenommen habe. Dabei schaute sie mich an. Zu dem leicht irritierten Moderator sagte sie: "Ich bin seine Verlegerin. Kein leichter Job." Langsam kriege ich Angst.

Ich erzählte einem gemeinsamen Bekannten von meinem Problem. Er sagte: "Auf die Art hat sie ihren Verlag in die Gewinnzone gebracht, das ist doch ein Wunder heutzutage." Auch der Bekannte hatte ihr einen kostenlosen Text geliefert. "Diese Internetkonzerne übernehmen doch auch ständig Texte, ohne die Autoren zu bezahlen", sagte er, "und du merkst es nicht mal." Da ist was dran. Aber Google verlangt wenigstens nicht, dass ich den Text überarbeite, und Google ruft auch nicht an.

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Geschrieben hatte ich: Mein herzliches Beileid, lieber Autor. Das ist ja wohl nicht tilgungswürdig. Mein zweiter Satz bezog sich - ich hätte es dazuschreiben sollen - auf ein Zitat des ehemaligen Präsidenten der Monumenta Germaniae Historica, Horst Fuhrmann, der im tiefen Streit mit einem bekannten Verlag ("Apud Weidmannos") gesagt haben soll (und er hat es, ich weiß es): "Warum schätzen Historiker Napoleon so? Er war der erste, der einen Verleger hat erschießen lassen". Dieser sarkastische, selbstverständlich absurd-satirische Satz hat selbstverständlich einen historischen Hintergrund: Die Hinrichtung des Nürnberger Buchhändlers Palm, der 1806 ein höchst kritisches Druckerzeugnis verlegt hatte, nämlich "Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung".