Kulturinteresse: "Hast du nicht gemerkt, wie toll die Musik war?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 17/2019

Ich frage mich manchmal, wie man seinen Kindern Kultur schmackhaft machen kann. Wenn ich meine Töchter frage, was ich mit ihnen unternehmen soll, dann wollen sie immer ins Kino gehen. Für Museumsbesuche sind sie nur schwer zu begeistern, auch klassische Konzerte sind nicht leicht zu vermitteln. Ich höre manchmal, dass man einfach irgendwann damit anfangen soll, Kinder zu Kulturveranstaltungen mitzunehmen, auch wenn sie es selbst nicht unbedingt wünschen. Es sei wichtig, dass sie die Leidenschaft der Eltern für Kunst spüren. Leider bin ich mir nicht sicher, wie groß meine Leidenschaft für Kunst eigentlich ist. Man soll ja Kunst genießen und sie in sich aufnehmen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass ich selbst erst allerlei Beipackzettel lesen muss, um zu verstehen, worum es bei einem Kunstwerk geht. Und wenn man seinen Vater dabei beobachten muss, wie er mit der Kultur ringt, macht das dann den Kunstkonsum zu einem angenehmen Erlebnis?

Mit meiner Tochter Luna gehe ich immerhin regelmäßig ins Theater. Meist wählen wir ein Stück eher zufällig aus, danach, ob der Titel interessant klingt. Manchmal landen wir dabei in Inszenierungen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mehr als drei Stunden dauern. Wir waren in Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin. Ich glaube, ich hatte das Buch nur im Deutschunterricht gelesen, die Lektüre war also schon über 25 Jahre her. Offenbar hatte ich es auch nicht aufmerksam genug gelesen, denn die Handlung auf der Bühne erschloss sich mir nur mühsam. Für mich war es ein Reigen von Dialogen und unzusammenhängenden Szenen und Videoeinblendungen von Kamerafahrten, auf die ich mir nur schwer einen Reim machen konnte. Ich sagte mir, dass man ja trotzdem etwas dabei lernt. Etwa, dass man mal an etwas dranbleiben muss, auch wenn sich einem der Sinn des Ganzen nicht gleich erschließt. Bei der Theateraufführung war ich dann aber ganz erstaunt, als Luna in der Pause sagte: "Also, ich finde es toll."

Vielleicht ist Kultur ja doch etwas, was sich jeder auf seine ganz eigene Weise aneignen kann. Luna ist mit einem Nebeneinander von vielen Medien aufgewachsen, sie mag Rap genauso wie Poesie, sie liest Bukowski und hört gleichzeitig zum Einschlafen Hörspiele von den Drei Fragezeichen. Für sie ist YouTube in der frühen Jugend genauso selbstverständlich gewesen wie ein Buch. Sie hat viel mehr Medien gleichzeitig benutzt. Vielleicht hat sie deswegen auch ein anderes kulturelles Empfinden als ich. "Hast du nicht gemerkt, wie toll die Musik war, und die Kostüme?", sagt sie oft, wenn wir auf dem Nachhauseweg über ein Stück sprechen. Nein, ich hatte es tatsächlich nicht bemerkt. Und so kommt es, dass ich derjenige bin, dem das Theater nähergebracht wird, nicht Luna.

Einmal allerdings waren wir in einem Stück, das uns beide gleichermaßen überforderte. Es war eine Collage zweier literarischer Texte. Es gab keine Handlung, keine Rollen, Stunde um Stunde malten die Schauspieler nur auf einer großen Leinwand und rezitierten Textbrocken. Wir blieben eisern dabei und spendeten Applaus. Danach waren Luna und ich uns allerdings einig, dass dies eine wirklich nervenaufreibende Erfahrung gewesen war. Wir hatten es gemeinsam durchgestanden. Am nächsten Tag schrieb mir ein befreundeter Schauspieler eine E-Mail. Er sei auch in der Inszenierung gewesen und habe uns im Publikum erspäht. Er finde es toll, dass ich meiner Tochter das beste Stück des Jahres gezeigt habe. So vermittle man Kultur.

Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Warum verstellt der Autor sich? Um seine Kinder zu bilden? Finden die Kinder das authentisch?
Meine Kinder sind schon immer gerne ins Museum gegangen. Weil wir Eltern es toll finden und weil wir die Ausstellungen immer mit Blick auf die Kinder ausgewählt haben. Klassische Konzerte geben uns Erwachsenen nichts. Darum gehen wir nicht hin. Ich bin Mutter meiner Kinder, nicht Lehrerin.

Der Autor erzählt humorvoll verpackte Alltagsbegebenheiten aus seiner Familie. Und ich finde, er macht das sehr gut. Für ein breites Lächeln reicht es bei mir jedenfalls fast immer.

Um mehr geht es nicht, und mehr sollte man auch nicht hineinanalysieren.

Nich jede der kleinen Geschichten kann ein Volltreffer sein. Gucken Sie dann alternativ einfach eine Folge von "Friends". Das sorgt auch für gute Laune. Und hat in etwa den gleichen Anspruch ;)