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Melanie Leupolz: "Ich bin insgesamt über ein halbes Jahr ausgefallen"

Als die Fußballerin sich schwer verletzte, half ihr Ehrgeiz ihr, sich zurückzukämpfen. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 17/2019

ZEITmagazin: Frau Leupolz, Sie sind eine der besten deutschen Fußballerinnen – dabei hat Sie als Kind auch ein anderer Sport gereizt, der wenig mit Mädchen in Verbindung gebracht wird: der Motorsport.

Leupolz: Ja, in meiner Familie spielte niemand Fußball, das Motorrad war viel populärer. Ich bin als Kind mit meinem Vater und meinen Cousins auf den Wiesen meines Onkels Motocross gefahren. Aber gegen den Fußball hatte auch das Motorrad am Ende keine Chance.

ZEITmagazin: Wie sind Sie in dieser motorbegeisterten Familie zum Fußball gekommen?

Leupolz: Meine Eltern haben mir zum ersten Geburtstag einen Fußball geschenkt. Den hatte ich beim Spazierengehen immer dabei, später dann auf dem Fahrradgepäckträger. Ich bin ja im Allgäu auf dem Dorf groß geworden, da wusste jeder schon von Weitem, wenn er ein Mädchen mit einem Ball sah: Ah, das ist die Melanie. Der Ball war mein Markenzeichen.

ZEITmagazin: Wann haben Sie mit dem Fußballspielen angefangen?

Leupolz: In der Grundschule. Wir waren nur zu siebt in der Klasse, und ich habe immer mit den Jungs gespielt. Mit sechs bin ich dann in den Fußballverein gekommen, als einziges Mädchen.

ZEITmagazin: Wie fanden Ihre Eltern das?

Leupolz: Sie waren anfangs nicht begeistert, als ich mit blauen Flecken und Schürfwunden nach Hause kam. Meine Mutter hat mir sogar Knie- und Ellbogenschoner mitgegeben. Aber dann haben sie schnell gemerkt, wie viel Spaß mir das macht.

ZEITmagazin: War es für die Jungs selbstverständlich, dass ein Mädchen mitspielt?

Leupolz: Für meine Mitspieler auf jeden Fall, die kannten mich ja. Aber ich war das einzige Mädchen weit und breit, das Fußball im Verein spielte, und da kamen schon dumme Sprüche von den Gegnern, so wie: "Bist du ein Mädchen oder ein Junge?"

ZEITmagazin: Wie reagierten Sie darauf?

Leupolz: Ich habe gesagt: "Natürlich bin ich ein Mädchen!" Dann kam oft so was wie: "Aber Mädchen können nicht Fußball spielen!" Meine Mitspieler haben mich immer in Schutz genommen. Und wenn ich dann in einem Spiel drei Tore geschossen habe, waren alle sowieso relativ schnell ruhig. Ich hatte in meinem Verein TSV Ratzenried eine wirklich coole Zeit und habe überhaupt nicht darunter gelitten, dass ich nicht in einer Mädchenmannschaft gespielt habe. Es war sogar gut für mich, dass ich bei den Jungs mitspielen konnte, bis ich 14 war.

ZEITmagazin: Warum?

Leupolz: Ich musste mit ihrer Schnelligkeit mithalten und mich auch mit der körperlichen Härte auseinandersetzen. Die Jungs haben ja nicht zurückgezogen, nur weil da ein Mädchen am Ball war, gerade gegen ein Mädchen möchte man ja nicht verlieren. Das hat mich sehr viel stärker gemacht.

ZEITmagazin: Mit 14 wechselten Sie zum TSV Tettnang in die B-Juniorinnen-Oberliga. Wie sah ein normaler Wochentag aus?

Leupolz: Meine Mutter hat mich von der Schule abgeholt, ich habe mich im Auto umgezogen, irgendwas gegessen, während sie mich zum Training gefahren hat. Sie hat dort zwei Stunden gewartet, dann ging es heim, oft war es schon acht Uhr, wenn ich mich an die Hausaufgaben gesetzt habe. Aber ich war schon immer sehr ehrgeizig, deshalb hat mir das nichts ausgemacht. Und der Alltag wurde einfacher, als ich mit 16 auf das Internat des SC Freiburg kam.

ZEITmagazin: Sie sind zweifache deutsche Meisterin, Europameisterin und Olympiasiegerin. Gab es auch schwierige Momente in Ihrer Karriere?

Leupolz: Ja, schon. 2011 habe ich bei der Europameisterschaft der U17 im Halbfinale gegen Frankreich im Elfmeterschießen den entscheidenden Elfer verschossen. Eigentlich war ich gar nicht als Schützin vorgesehen, aber das Spiel war nicht so gut für uns gelaufen, einige Spielerinnen hatten kein gutes Gefühl. Als Kapitänin kann man dann nicht kneifen. Danach habe ich mich erst mal richtig leer gefühlt. Aber noch schwieriger war es, als ich verletzt lange pausieren musste.

ZEITmagazin: Was war passiert?

Leupolz: 2016 ist mir kurz nach dem Olympiasieg im Training bei einem Pressschlag das Innenband im Knie gerissen. Ich musste sechs Wochen eine Schiene tragen, dann Reha ... Bei meinem ersten Spiel nach der Verletzung war ich voller Euphorie – und im nächsten Training ist das Band bei einem Torschuss wieder angerissen. Ich bin insgesamt über ein halbes Jahr ausgefallen. Das war frustrierend. Aber ich habe mich zurückgekämpft.

ZEITmagazin: Was hat Ihnen in dieser Zeit geholfen?

Leupolz: Meine Mannschaftskolleginnen, die mich aufgebaut haben, und meine Familie. Aber auch mein Ehrgeiz. Er hat mir geholfen, meinen Frust zu überwinden und mich schnellstmöglich wieder zurückzukämpfen.

ZEITmagazin: Woher kommt dieser Ehrgeiz?

Leupolz: Den habe ich von meinem Vater: Er ist selbst sehr ehrgeizig und hat mir beigebracht, dass man, wenn man etwas erreichen will, auch etwas dafür tun muss. Aufgeben gilt nicht.

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Ich glaube, nichts anderes hat die Spielerin gesagt. Sie hat sich gefördert, indem sie gelernt hat, im Fußball (!) mit den Jungs mitzuhalten. Das war lehrreich, weil männlicher Fußball ab einem gewissen Alter nunmal eine andere Liga ist als das weibliche Pendant. Da aus ideologischen Gründen die Augen vor zu schließen, hilft gar nicht. Tatsächlich haben schon männliche Vereins-B-Jugend-Teams die weibliche Nationalmannschaft in Testspielen geschlagen. Im Grunde reden wir beim Vergleich m/w im Fußball von zwei verschiedenen Sportarten. Fördern heißt übrigens nicht nur streicheln. Das wird gerade beim weiblichen Geschlecht aber gerne verwechselt.

Sehe ich genau so. Ich (m) habe in und nach meinem Studium ausschließlich in gemischten Uni-Teams Handball gespielt, mein Sohn spielt seit er laufen kann mit Mädchen Fußball, jetzt spielt er in der C-Jugend- Staffel u.a. gegen die B-Jugend-Mädels des SC Freiburg, und das ist aber sowas von normal. Entscheidend ist doch, dass sich Jungs und Mädels in möglichst vielen gesellschaftlichen Bereichen begegnen und dadurch kennenlernen. Nur so kann Stereotypen und blöden Vorurteilen vorgebeugt werden.