Großsein: "Du bist ein kleiner, kleiner Papa!"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 18/2019

Juli ist bekanntlich schon groß. Aber irgendwie war Juli schon immer groß. Schließlich bekommt man das als Kind ständig gesagt. "Mensch, bist du aber schon groß!" Das ist es, was alle sagen, wenn sie Juli eine Weile nicht gesehen haben. Man sagt nie: "Mensch, du bist aber klein!" Juli ist groß. Leider kommt es deswegen immer wieder zu Missverständnissen. Zum Beispiel gibt es ständig Ärger, weil Juli früher ins Bett muss. Die anderen Geschwister dürfen vielleicht sogar noch etwas im Fernsehen schauen, während Juli schon in den Federn liegen muss. Und was ist die Erklärung dafür? "Dafür bist du noch zu klein." – "Ich bin groß!", protestiert sie dann. Juli muss die ganze Welt wie ein Komplott erscheinen. Immer wieder versichert man sie ihres Großseins, sobald es aber darauf ankommt, diese Größe in Privilegien umzumünzen, ist sie verschwunden. Und plötzlich ist man nicht mehr groß. Man darf nicht Cola trinken, weil man zu klein ist, man darf nicht ins Kino gehen, weil man zu klein ist. Man darf kein scharfes Messer benutzen, weil man zu klein ist. Auf dieses Kleinsein ist allerdings auch kein Verlass. Sobald man morgens von Mama die Unterhose angezogen haben möchte, wird diesem Wunsch nicht stattgegeben, mit der Begründung: "Du bist doch schon groß!"

Es gibt also sehr verschiedene Arten von groß und klein, je nachdem, in welchen Umständen man sich gerade befindet. Es wird aber noch komplizierter. Meine Frau sagt immer wieder über mich, ich sei klein. Ich finde, das ist arg übertrieben. Ich bin überhaupt nicht klein, eher genau richtig groß, nämlich 1,73 Meter. Ich kann ja nichts dafür, dass die Welt mittlerweile von Männern bevölkert wird, die im Schnitt 1,80 Meter sind. Ich meine, die sind etwas üppig geraten, aber das ändert nichts daran, dass meine Tochter diese Bemerkungen keineswegs überhört und manchmal finster anmerkt: "Du bist aber auch klein, du bist ein kleiner, kleiner Papa!" Nun könnten wir Kleinen ja solidarisch sein, aber dies wird aus den Augen meiner Tochter ständig dadurch verhindert, dass ich klein bin, ohne nur eine einzige winzige Einschränkung dadurch hinnehmen zu müssen. Während Julis relatives Kleinsein dazu führt, dass sie ein Leben zwischen Stoppschildern führt, lebt ihr Vater auf der Vorfahrtsstraße. Ich darf aufbleiben, solange ich will, ich darf Bier trinken, ich darf abends sogar allein aus dem Haus. Und das Allerfrappierendste: Ich darf sogar der Bestimmer sein.

Ich erkläre Juli dann, dass man mit "groß sein" oft eben auch "älter sein" meint. Das mit dem Alter hat Juli natürlich schon mal gehört. Aber das macht die Sache nur noch unverständlicher. Die großen Geschwister sind auch älter, deswegen dürfen sie mehr. Und trotzdem ist es kompliziert. Ihr Vater legt Wert darauf, dass er zwei Zentimeter größer ist als ihre Mutter. Er darf aber deswegen nicht mehr. Die Mutter ist ein paar Monate älter als der Vater, aber deswegen darf sie auch nicht mehr als er. Wenn beide über das Älterwerden sprechen, sind das keine Gespräche über wachsende Kompetenzen, sondern eher über steife Knie am Morgen. Und obwohl ihre Eltern ständig älter werden – größer werden sie nicht mehr. Das alles ist Juli ein bisschen zu hoch. "Wenn du größer bist, verstehst du das", tröste ich sie. "Wie alt bist du denn, Papa?" – "Na, das kannst du doch wissen, überleg doch mal!" Juli überlegt lange. Dann sagt sie etwas vorsichtig tastend: "85?" Ich nehme an, sie kommt auf diese Zahl, weil ich so unermesslich viel darf.

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