Sandalen Untenrum frei

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 18/2019

Die Sandale hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Zur Jahrtausendwende galt sie noch als Problemschuh. Besonders die Herrensandale schien den Fuß des Mannes in einer fast vulgären Weise zur Schau zu stellen, schlimmer konnte man es nur machen, indem man darin Socken trug. Aus der Herrensandale entwickelte sich die Trekkingsandale. Sie war der Inbegriff des Primats der Bequemlichkeit: etwas, das man sich an die Füße schnallt, weil einem Belüftung wichtig und jeglicher ästhetischer Ehrgeiz verloren gegangen ist.

Dann jedoch kam das modische Comeback der Birkenstock-Sandale (wobei es nicht ganz korrekt ist, von einem Comeback zu sprechen, denn Birkenstock-Sandalen hatten zuvor nie als modisch gegolten). Birkenstock entwickelte sich zur größten deutschen Modeschuhmarke und entwirft mittlerweile mit Marken wie Rick Owens und Valentino gemeinsam Modelle. Und so sind seit einigen Jahren auch bei vielen anderen Modemarken in den Kollektionen vermehrt Sandalen zu sehen.

Diesen Sommer erobert nun auch die Trekkingsandale die Laufstege der Frauen- und Männermode. Sie kommt allerdings nicht als Maßnahme gegen Schweißfüße, sondern als Kombination zweier Erfolgsschuhe daher: Sandale und Sneaker. So sind Sandalen mit Sportschuhsohlen beispielsweise bei Hogan zu sehen, auch bei Iceberg, Giamba und Off-White.

Damit kehrt die Sandale als Modeschuh gewissermaßen zu ihren Ursprüngen zurück, im antiken Griechenland etwa waren Sandalen wichtige Statussymbole. Je aufwendiger sie verziert waren, desto höher der Stand der Trägerin oder des Trägers. Modelle, die lediglich mit zwei Riemen am Fuß festgemacht wurden, hießen gar nicht Sandalen, sondern "Sohlen". Nach dem Ende des Römischen Reiches wurden die Sandalen in den höheren Ständen von ausgefeilterem Schuhwerk verdrängt und galten fortan als Fußbekleidung unterer Schichten.

Erst im 18. Jahrhundert erinnerte man sich der antiken Schuhmoden. Die Merveilleuses ("Wunderbaren"), eine Gruppe französischer Frauen, stachen zur Zeit der Französischen Revolution mit ihrer auffälligen Kleidung heraus. Sie trauten sich, in kreuzweise geschnürten Sandalen ihre Zehen zu zeigen. Dies wurde als ungemein aufreizend empfunden. Hernach galt der weibliche Fuß als befreit – der männliche jedoch weiterhin als eher vulgär. Bis zum Auftritt der hochfeinen Trekkingsandalen in diesem Sommer. Ein historischer Moment, könnte man sagen.

Foto: Peter Langer / Mehr Luft: Sportsandalen von Hogan

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