Sharon Van Etten: "In meiner Bar werden Regale voller Bücher stehen. Und abends werde ich Platten auflegen"

© Paula Winkler
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 18/2019

Seit mein Sohn vor zwei Jahren zur Welt kam, schlafe ich nicht mehr tief und träume auch weniger. Mehr als drei oder vier Stunden Schlaf pro Nacht werden das nie. Manchmal weiß ich auch nicht so genau, ob ich bereits schlafe oder noch wach bin. Meine Träume sind dann oft abstrakt, nur Farben, Klänge, Bilder.

Ein Traum begleitet mich schon mein ganzes Leben lang: Es ist ganz dunkel, irgendwann kommt dieser Klang, ein Klopfen, das immer lauter wird. Wenn es zu laut wird, wache ich auf. Diesen Traum habe ich mindestens einmal im Monat. Mit den Jahren hat er sich immer wieder den veränderten Umständen meines Lebens angepasst. Der Klang verändert sich, je nachdem ob es mir gerade gut oder schlecht geht.

Manchmal, wenn es dringend nötig ist, scheint dieser Traum mir auch dabei zu helfen, meine Gedanken und Gefühle zu ordnen. Beim Aufwachen erkenne ich Zusammenhänge, die mir vorher nicht bewusst waren. Ich habe zum Beispiel mal eine Weile mit einem Mann in Tennessee zusammengelebt, der zunehmend ungesund für mich war. Aber ich wusste nicht, wie ich aus dieser Beziehung rauskommen könnte. Eines Nachts half mir mein Traum von dem Klopfgeräusch, mich aufzuraffen: Mir wurde klar, dass es mir wieder gut gehen würde, wenn ich diesen Mann verlasse – und dass ich Musik machen musste. Ich rief gleich am Morgen meine Schwester an. Sie schickte mir ein Flugticket, und so kam ich aus dieser Situation raus. Den Weg zu dieser Rettung hatte mir mein Traum gewiesen.

Ich habe als Parkwächterin gearbeitet, in Pizzaläden, bei McDonald’s. Als Verkäuferin in einem Weinladen in New York habe ich von meinem Chef viel über Weine gelernt, über die verschiedenen Trauben und Anbaugebiete. Zu der Zeit gab ich im Großraum New York zwar viele Konzerte, konnte aber nicht davon leben. Nach einem Tag als Weinverkäuferin bin ich oft direkt vom Laden zum nächsten Auftritt gegangen. Eine Zeit lang träumte ich sogar davon, mich als Sommelier ausbilden zu lassen. Eines Tages versuchte ein Kunde, mir zu beschreiben, nach was für einer Art von Wein er suchte, und ich antwortete ihm: "Sie suchen also einen Wein, der Eier hat?" Der Kunde stimmte dieser Deutung zwar begeistert zu, aber ein Kollege beschwerte sich über meine unangemessene Wortwahl – und ich verlor meinen Job. Mir wurde dadurch immerhin klar, dass Wein für mich vielleicht doch besser ein Hobby bleiben sollte.

Ein Traum, den ich mir irgendwann erfüllen möchte, hat allerdings auch etwas mit Wein zu tun: Ich würde gern eines Tages eine kleine Bar eröffnen. Tagsüber wird es dort Kaffee geben, abends Wein. In dieser Bar werden einige Regale stehen voller Bücher, die ich ausgesucht habe. Und abends werde ich Schallplatten auflegen. Das Ganze wird irgendwo an einem Strand in North Carolina sein. Und auf diese Weise werde ich mich dort zur Ruhe setzen.

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Auch ich träume davon, mich zur Ruhe zu setzen - weit entfernt davon bin ich nicht mehr. Dann möchte ich mich mit dem Segelflugzeug in die Abendthermik legen und dabei Saxophon spielen.

Aus der Traum - geht nicht, kein Platz im engen Cockpit. Ich werde also das tun, was ich immer getan habe: Eins nach dem anderen. Selbst mit dem schönsten Roman werd ich nie durch die Luft segeln können. Wegen Gegenverkehr.