Gothic-Look: Zurück aus der Gruft

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 19/2019

Auf den Laufstegen wird es dunkel. Bei Christian Dior sehen wir schwarze Looks in Mesh-Optik, bei Prada viel schwarzen Chiffon, schwarze Ledermäntel und Paillettenkleider. Ein bisschen sehen diese Aufmachungen aus, als kämen die Models von einer Gothic-Party der späten Achtzigerjahre. Und das sind nur die Sommerkollektionen, im Herbst wird es richtig düster. Das zumindest ließen Schauen wie die von Gucci und Marni ahnen, wo man stachelige Nietenhalsbänder und lange schwarze Mäntel sehen konnte.

Der Gothic-Look ist mehr als vierzig Jahre alt und trotzdem modern. Ende der Siebzigerjahre gingen die Gothics, auch Waver genannt, aus dem Punk hervor. Plötzlich ertönte alles in tiefen Bässen, und die Musik drehte von bunt-aggressiv ins tief Melancholische. Die Gothic-Bewegung war ein Vorgriff auf die vorherrschenden Themen der Jahrtausendwende. Es war die Zeit, in der die großen Visionen Schiffbruch erlitten hatten, der Bericht des Club of Rome den Niedergang der Welt als ziemlich realistisches Szenario erscheinen ließ und der Rückzug ins Private das gesellschaftliche Engagement ablöste. Die Jugendlichen der Gothic-Bewegung suchten ihre Vorbilder nicht in der Zukunft, sondern der Vergangenheit, in der deutschen Romantik, dem Barock, bis in die Welt des Mittelalters hinein – und mischten dies alles mit Anleihen aus dem Punk. Solange die Grundfarbe Schwarz war, vertrug sich vieles mit vielem. Wichtig war die Inszenierung des Looks – es ging nicht mehr darum, mit gewissen Kennzeichen, einem Kleidungsstück oder einer Frisur, einer Gruppe anzugehören, sondern sich mit möglichst aufwendigem Styling von den anderen abzuheben. Erst mit Instagram sollte diese Form der Selbstinszenierung Jahrzehnte später ihr Medium finden. Auch die Auflösung der hergebrachten Geschlechter deutete sich schon damals an: Frauen und Männer kleideten und schminkten sich ähnlich. Vor allem aber trat die Kultur der Verletzlichkeit in den Vordergrund. Traurigkeit gehörte in der Gothic-Szene zum erwünschten Gefühl, man schmückte sich mit ihr wie mit einem Accessoire. Auch hier griffen die Schwarzgekleideten dem Mainstream vor. Heute ist es relativ verbreitet, in der Öffentlichkeit über Traurigkeit oder sogar Depression zu sprechen.

In den frühen Zweitausendern griffen die Jugendlichen der Emo-Kultur viele Motive der Gothics wieder auf und brachten sie mit der Ästhetik der japanischen Mangas zusammen. In Deutschland war Bill Kaulitz von der Band Tokio Hotel wohl der bekannteste Vertreter dieses Stils. Wenn die Mode also nun zum Gothic zurückkehrt, vollzieht sie nur nach, dass wir schon lange in ziemlich düsteren Zeiten leben.

Foto: Peter Langer / Schwarze Schönheit: Kleid und Jumpsuit von Christian Dior

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren