Horst Janssen: "Ich polier dir die Fresse"

Er war ein exzessiver Künstler, der keine Auseinandersetzung scheute: Horst Janssen wäre in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden. Hier erzählt sein enger Freund, der Publizist Manfred Bissinger, wie Janssen einmal Günter Grass eine Tracht Prügel androhte. Von
ZEITmagazin Nr. 19/2019

Horst Janssen war eine Ausnahmefigur: Zeichner und Grafiker, Literat und Dichter, berühmt nicht nur für seine Kunst, sondern auch für sein eruptives Wesen. Der Publizist Manfred Bissinger, der unter anderem Chefredakteur der Zeitschriften konkret und Merian und der Wochenzeitung Die Woche war, kannte Janssen gut, die beiden verband eine lange, intensive Freundschaft. Eine Zeit lang besuchte Bissinger Janssen jeden Morgen vor der Arbeit in Blankenese in seinem Atelier, wo es niemals langweilig wurde. Für uns beschreibt er einen Tag Mitte der Achtzigerjahre, der mit belegten Brötchen begann und mit einem handfesten Streit bei Günter Grass endete.

Für Horst Janssen war dieser Tag einer wie so viele zuvor. Nichts deutete auf ein besonderes Ereignis hin. Kein Galerist, kein Kulturfunktionär, kein Museumschef hatte sich angesagt. Wie zu dieser Zeit fast jeden Morgen schälte er sich auch an diesem wohl gegen 4.30 Uhr aus seinem Laken und kroch aus seiner "verdunkelten Rumpelhöhle", wie er seinen Schlafplatz gegenüber Dritten zu charakterisieren pflegte. Er streifte wahrscheinlich wie immer den ursprünglich mal blauen Bademantel über und tippelte in seine winzige Küche, wo er die Zigarettenkippen vom Vorabend aus dem Kaffeebecher in den Müllsack entleerte, um ihn mit einer größeren Menge Instantpulver zu füllen. Er drehte den Wasserhahn so weit nach rechts wie möglich: Je heißer das Wasser, desto besser ließ sich der Frühstückskaffee aufbrühen. Den Wasserkessel aufzusetzen – dafür mochte er so früh noch keine Zeit verschwenden. Von der Küche aus schlurfte er nach nebenan in sein Arbeitszimmer, das zugleich Wohn-, Gäste- und Musikzimmer war.

Zu Horst Janssens Gewohnheiten gehörte es, schon am frühen Morgen eine der schwarzen Schellackplatten aufzulegen: Mozart oder gleich das Händelsche Halleluja, je nachdem, wie die Nacht verlaufen war.

Seinen Kaffeebecher platzierte er neben das angeschrägte Malpult, das unter Bergen zerknüllten Papiers, verbrauchten Stiften, vereinzelten Kippen und ungelesener Post kaum zu sehen war. Er liebte das Chaos auf seinem Zeichentisch, und jeder, der versucht hätte, es zu beseitigen, den hätte er die Treppe zum Einlasstor hinuntergejagt.

Mit ausladender Geste fegte der Meister dann das Pult leer und bestückte es mit weißem Papier, gelegentlich auch mit braunem Packpapier. Die frischen Bögen befestigte er mithilfe von Heftzwecken an allen vier Ecken. Und schon ging es los im schnellen Wechsel ungezählter Bleistifte der Stärken 9B über HB, F bis 9H. Wenn Janssen aquarellierte, tauchte er den Pinsel abwechselnd in seinen Kaffeebecher oder den mit Wasser getränkten Aschenbecher, der in der Regel ebenfalls eine Tasse war. Seine Asche-Selbstporträts waren sehr begehrt. Und manch einer hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, aus dem bis zu 20 Zentimeter hohen Papiermüll am Boden halb fertige Arbeiten zu fingern. Der Künstler ließ es geschehen, es schmeichelte ihm, dass auch seine Fetzen gesammelt wurden.

Horst Janssen liebte seine Rituale. Sie waren das Rückgrat seiner physischen und psychischen Existenz. Er veränderte wenig, nur die Uhrzeit, zu der er aufstand, variierte. Er führte im Grunde ein Leben wie auf einer Bühne, und was nicht zu sehen war, posaunte er gerne haarklein jedem gegenüber aus, der sich dafür interessierte – oder auch nicht.

Vor ihm lagen nun drei bis vier ungestörte Stunden, in denen er sich ganz und gar seinen exorbitanten Begabungen hingeben konnte. Erst später, meistens zwischen neun und zehn Uhr, würden die ersten Besucher eintreffen. Bis dahin waren oft schon zwei bis drei oder, wenn er gut aufgelegt war (sprich: verliebt), bis zu fünf neue Blätter entstanden. Schon lange hatte er sich antrainiert, in Zyklen zu arbeiten, mal mit Blei-, mal mit Buntstift oder Tusche, mal kritzelte er auf Zinkplatten, mal zeichnete er auf speziellen Lithosteinen, mal schrieb er auch. Das "Worthauern", wie er es nannte, war seine geheime Leidenschaft, eine Disziplin, die er früh für sich entdeckt und in der er es – wie schon bei den Zeichnungen, den Radierungen, den Lithografien und den Holzschnitten, die ihm mittlerweile zu aufwendig waren – zu höchster Fertigkeit und Originalität gebracht hatte. War in seinen Augen ein Text gelungen, dann las er ihn seinen Gästen gerne laut und pointiert vor.

Ja, Horst Janssen war eine jener raren künstlerischen Doppelbegabungen, die nicht nur Meisterzeichnungen zu schaffen wussten, sondern auch großartig wortkreative Manuskripte ablieferten. Er war es, der für seine Kommunikation mit der Außenwelt den "Malbrief" erfand und dieses Genre zu opulenter Kunstfertigkeit zu entwickeln verstand. Die Zahl dieser künstlerischen Dokumente aus Zeichnungen und Worten wird auf über 30.000 Exemplare geschätzt; die geliebten Postkarten nicht eingerechnet. Von denen existieren vermutlich noch einmal so viele. Ein wirklich beeindruckender Fundus. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe hat dieser Kunstform Janssens vor Jahren eine fulminante Ausstellung gewidmet.

An diesem einen Morgen Mitte der Achtzigerjahre war ich der erste Besucher. Wie so oft. Zwischen Janssen und mir hatte sich über die Monate eine Gewohnheit eingeschliffen: Ich kaufte beim Bäcker zwei Brötchen und ließ sie beim Metzger nebenan vorzugsweise mit Schweinebraten belegen, das Ganze wurde gut gesalzen und mit Jus verfeinert. Nach einigen Wochen trugen mir diese Frühstücksmitbringsel den Spitznamen "Mein Morgenbrötchen" ein; ein ebenso betiteltes Porträt-Aquarell hat witzigerweise seinen Weg ins Chicago Art Museum gefunden.

Meine Ankunft nutzte Janssen in der Regel, um mit den deftigen Brötchen auf den ersten Alkohol des Tages umzusteigen. Es war zunächst zumeist sündhaft teurer Champagner der Marke Veuve Clicquot, und wenn er den ausgetrunken hatte, stieg er um auf guten Weißwein. Für Nachschub sorgten die Blankeneser Taxifahrer, die sich Tag für Tag freuten, wenn sie für den großzügigen Künstler vom Mühlenberger Weg einkaufen durften. Auch dafür gab es strenge Regeln. Janssen telefonierte, nannte seine Wünsche und lehnte die Tür an. Die Fahrer kamen die Treppe hoch, traten ein, "moin, moin", und holten sich aus dem rechts in der Ecke platzierten Sekretär aus den oberen beiden Schubladen Geld. Dann fuhren sie los und durften nach Rückkehr noch ein weiteres Mal zugreifen. Im oberen Fach lagen die Scheine ab 50 Mark, in dem unteren das "Gemüse", wie Horst das "Kleingeld" nannte. Das Recht, in diese Fächer hineinzugreifen, hatte auch sein Briefträger "Heinzi" Adler, der kleine Botengänge für ihn erledigte und Janssen zudem gelegentlich Modell stand. Es ist nicht bekannt, dass jemand das Privileg, den Sekretär ohne jede Kontrolle zu nutzen, missbraucht hätte. Keine Überraschung demnach, dass sich zu Janssens Beerdigung in Oldenburg im September 1995 unter anderem ein unübersehbarer Treck von Blankeneser Taxen in Bewegung setzte.

Für mich war Horsts Umstieg auf Alkohol Morgen für Morgen mit dem Kampf verbunden, nicht mittrinken zu müssen. Erst nach häufigen Debatten verstand er, dass ich anschließend noch zur Arbeit in die Redaktion musste. Akzeptiert hat er meine Enthaltsamkeit nie, sie war für ihn eine Schwäche.

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