Kultur mit Kindern "Bloß nicht ins Museum!"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 19/2019

Bildung, da sind wir uns doch bitte schön einig, ist wichtig für Kinder. Klar, es ist schön, gemeinsam ins Kino zu gehen. Viel besser aber ist es, mit Kindern dorthin zu gehen, wo geballtes Wissen auf sie wartet, nämlich ins Museum. Ich habe schon öfter gelesen, dass Kinder später ihren Eltern vorhalten, zu wenig Zeit mit ihnen verbracht zu haben. Ich habe aber noch nie gehört, dass jemand geklagt hätte, die Eltern seien zu oft mit ihm ins Museum gegangen. Außer vielleicht meine Tochter Greta. Wenn ich Greta frage, was man denn so am Wochenende unternehmen könne, sagt sie: "Alles, aber bloß nicht ins Museum!" Dabei frage ich mich, was ich falsch gemacht habe. Wir wohnen in Berlin, hier gibt es gute Museen. Wir haben uns die Nofretete angeguckt und die Toteninsel von Böcklin. Wir waren auch im Technischen Museum, wo ich den Kindern zeigen wollte, wie Papier hergestellt wird. Aber je mehr ich erklärte, desto düsterer wurde Gretas Miene. "Das habe ich alles schon bei Galileo gesehen", sagte sie trocken.

Einmal waren wir in der schönen Stadt Darmstadt, wo es ein Schlossmuseum gibt. Man muss dort eine Führung buchen, man darf also nicht einfach so hineinlatschen, denn man könnte ja die Hunderte Jahre alte Tapete antatschen. Die Führung sollte zwei Stunden dauern. Leider machte uns der Museumsführer darauf aufmerksam, dass man während der Führung keine der zahlreichen Sitzgelegenheiten im Schloss benutzen dürfe. In den zwei Stunden wurde uns das Schicksal des Fürstenhauses Hessen-Darmstadt vergegenwärtigt, in dem immerhin die spätere preußische Königin Luise aufwuchs. Und die russische Zarin Alexandra war auch eine Darmstädterin, ja, deswegen gibt es in Darmstadt die Russische Kapelle – nicht gewusst? Ich hatte eigentlich gedacht, Prinzessinnen seien ein Thema, mit dem man bei Mädchen nicht danebenliegen könne. Zunächst sank Gretas Stimmung allerdings ins Bodenlose. Ich weiß nicht, ob sie den Adel hasste, der dafür verantwortlich war, dass sie sich 200 Jahre später in diesem kalten Schloss die Beine in den Bauch stehen musste, obwohl jeder, der hier einmal einen Sessel besessen hatte, längst tot ist. Oder aber ob der Groll ihrem Vater galt, der noch das letzte Detail erfragte, um auch jeden im Raum wissen zu lassen, was er schon vorher über das Fürstenhaus wusste. Vielleicht ist es das, was meine Tochter an Museen nicht mag: dass es Räume sind, in denen ihr Vater ständig mit seinem Halbwissen prahlt.

Im letzten Raum des Schlosses ging es um einen Flugzeugabsturz 1937, bei dem fast das gesamte Geschlecht der Hessen-Darmstädter umkam. Die Führung wäre damit zu Ende gewesen, Greta jedoch stellte plötzlich gefühlte hundert Fragen: zunächst zu Prinz Ludwig, der als Einziger den Absturz überlebte. Ich wollte gehen, aber Greta wollte noch etwas wissen über die kleine Johanna Marina Eleonore, die als Einjährige im Schloss Wolfsgarten bei Langen zurückgeblieben war und durch das Unglück ihre gesamte Familie verloren hatte. Ich klagte schon über Knieschmerzen, als Greta erfragte, dass das Kleinkind später von Prinz Ludwig adoptiert worden war, jedoch leider im Alter von zwei Jahren an Meningitis verstarb. Ich murrte. Das sind doch alles unwichtige Details, sagte ich leise zu mir, wer muss denn so etwas wissen! Erst eine halbe Stunde später entließ Greta uns. So lerne ich auch etwas beim Museumsbesuch: Kinder suchen sich gerne selbst aus, wie sie sich die Welt erklären lassen.

Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Wenn Sie noch dazusagen dass das in Muenchen ist (und gleich nebenan das Karl Valentin Musäum ist - klein aber einzig) dann findet das soagar jemand ohne zu Googeln.
Das ist wirklich ein tolles Museum - ob es das groesste ist muss erst noch geklaert werden. Ich habe auch schon in anderen Stätdten einen ganzen Tag im Museum. London kommt da ins Gedächtnis mit dem Science Museum - echte Dampfmaschinen und eine "Kuchenstueck" aus dem Rumpf einer alten 747.