Ulrich Matthes "Putin wollte um alles in der Welt Trauzeuge eines schwulen Paares werden"

© Andrea Grambow & Joscha Kirchknopf
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 19/2019

An einem verregneten Nachmittag hatte sich Queen Elizabeth II, schlecht gelaunt ob einer Magenverstimmung ihres Lieblings-Corgis, eines verpatzten Scrabble-Spiels und des Brexits, ihrer entfernten Verwandten erinnert, der Herzogin von Oldenburg, Beatrix von Storch. Wann, for heaven’s sake, so fragte sich die Königin, war aus dem etwas scheuen, aber doch recht munteren Mädchen, das sie vor Jahrzehnten bei einem Treffen des europäischen Hochadels vergnügt hatte Murmeln spielen sehen, nur diese verbitterte Reaktionärin geworden?

"Vielleicht sollte ich sie mal auf einen Earl Grey einladen", sann sie. Und so kam es, dass schon drei Wochen später beide Frauen durch die Rabatten des Parks von Windsor Castle schritten, vom hohen Alter gebeugt die eine, nur mühsam ihren sonst so raschen Schritt zügelnd die andere. Beatrix von Storch hatte sich einigermaßen verwundert, aber doch geschmeichelt von dieser Einladung auf den Weg über den Ärmelkanal gemacht. Sie würde am Tag nach der Begegnung mit der Queen mit ihrem Herzensfreund Nigel Farage Minigolf spielen, das wäre, so freute sie sich, allemal die Englandreise wert!

Der Kies spritzte, schwermütige Pfauen schlugen ihr Rad, Butler folgten den beiden Damen diskret in einigem Abstand mit Gurken-Sandwiches und fragten sich flüsternd, was die beiden da so leidenschaftlich miteinander zu besprechen hatten. So temperamentvoll hatte man die rüstige alte Dame lange nicht mehr gestikulieren sehen. Als sie nach einer Stunde des intensiven Gesprächs auf den Stufen des Palastes Abschied voneinander nahmen, war etwas Wundersames geschehen: Die greise Königin hatte mit ihrem energischen Humor und einigen durchaus strengen Sätzen aus der deutschen Menschenfeindin eine großherzig-empfindsame Seele gemacht. Erstaunlich!

Und so flogen bald darauf in ganz Europa die Brieftauben hin und her. Nicht nur, dass Alexander Gauland öffentlich seine Hunde-Krawatte verbrannte, er bat sogar Claudia Roth um Tipps für eine farbenfrohere Garderobe. Recep Tayyip Erdoğan ließ es sich nicht nehmen, berührt die Gefängnistüren der zahllosen Journalisten-Zellen eigenhändig zu entriegeln. Wladimir Wladimirowitsch Putin wollte um alles in der Welt Trauzeuge eines schwulen Paares in Omsk werden, Matteo Salvini machte, nicht ohne Mühe, den Kapitänsführerschein der Klasse A, um fortan auf einem kleinen Rettungsboot das Mittelmeer zu durchpflügen. Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński tauschten Lebkuchenherzen aus, eigenhändig von ihnen mit der Zuckerguss-Inschrift "Willkommen im vereinten Europa!" versehen; und alles, alles nur, weil an einem verregneten Scrabble-Nachmittag auf Windsor Castle ...

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren