Erwachsenwerden "Du weißt halt nicht, was cool ist"

© Aline Zalko
Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 20/2019

Lotta trägt seit Neuestem eine schwarze Lederjacke. Ich weiß gar nicht genau, woher sie diese Lederjacke hat. Ich glaube, die Jacke ist ein Geschenk ihrer Oma. Es ist nicht irgendein Kleidungsstück für Lotta. Sie verbindet etwas Besonderes damit. Sie trägt die Jacke bei jeder Gelegenheit. Sie trägt sie sogar zu Hause. Lotta findet, dass die Jacke ihr auf geniale Weise steht. Sie sagt, ich solle doch auch mal eine Lederjacke tragen. Das würde mich ein wenig cooler machen. Ich weiß nicht recht.

Lotta trägt zu ihrer schwarzen Jacke gern enge schwarze Jeans und dicke Boots. Insgesamt sehe ich bei ihr eine gewisse Verdunklungsgefahr. Es ist noch nicht lange her, da konnte ich ihr geblümte Kleidchen schenken. Das wäre jetzt nicht mehr möglich, fürchte ich. Wenn Lotta Fernsehen guckt, dann The Vampire Diaries (ich glaube, ich erwähnte das schon mal). In dieser Serie ist das Beste, was einem Protagonisten passieren kann, dass er nachts nicht von den dunklen Mächten ausgesaugt wird.

Lotta schreibt auch Geschichten. Ich finde, sie schreibt überhaupt nicht schlecht. Allerdings sind es keine lustigen Geschichten. Neulich las sie mir ein Stück über Freundschaft vor. Es handelt davon, dass ein Mädchen zu ihrer Freundin eilt, irgendein Ereignis steht bevor. Im Verlauf der Geschichte erfährt man, dass die Freundin im Krankenhaus liegt. Am Krankenbett unterhalten sich die Freundinnen. Sie erinnern sich, wie sie gemeinsam den Hund des Nachbarn ausgeführt haben und damit auf dem Spielplatz vor anderen Kindern angegeben haben. Ein Geplänkel unter Freundinnen. Aber dann wird klar, dass die Freundin in diesem Krankenhaus im Sterben liegt. Das lustige Gespräch mit der besten Freundin sind ihre letzten Worte.

Wenn man Kinder hat, dann versucht man von allem, was sie tun, auf den seelischen Zustand zu schließen. "Papa, eine traurige Geschichte ist doch einfach viel interessanter als eine lustige, oder?", sagt Lotta. Und: "Ich finde das total schön, wenn Leute eine Geschichte lesen und ihnen die Tränen kommen."

Alle Eltern wollen, dass aus ihren Kindern eigene, starke Persönlichkeiten werden. Aber wenn das passiert, bekommt man ein so unsicheres Gefühl wie die armen Menschen in Lottas Lieblingsserie, kurz bevor irgendein Untoter seine Zähne in ihren Hals schlägt. Es fühlt sich einfach seltsam an, wenn Kinder auf einmal auf Ideen kommen, die sie offenbar ganz alleine entwickelt haben. Dabei hat Lotta ja recht: Das Tragische ist meist ergreifender als das Fröhliche. Aber für meinen Geschmack hätten wir gerne noch eine ganze Weile unbeschwert durch die Gegend hüpfen können.

Manchmal muss ich Lotta nun regelrecht ermahnen, ihre Lederjacke auszuziehen. Ich muss sie zum Beispiel daran erinnern, dass man beim gemeinsamen Abendessen keine Jacke trägt. "Du weißt halt nicht, was cool ist", sagt Lotta dann.

Ich weiß immerhin, dass ich es auch mal cool fand, mit Jacke in Innenräumen herumzulaufen. Das war besonders, wenn man auf Partys eingeladen war. Man stand mit der Bierdose in der Hand in der Jacke so herum, und das sollte heißen: Ich bin gerade mal so spontan von der Straße reingeschneit und weiß noch nicht, ob es mir gefällt. Sobald mir die Party zu uncool oder zu langweilig wird, bin ich hier raus.

Ich hoffe, bei Lotta ist es noch lange nicht so weit.

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren