Geschwätzigkeit Über zu viele Worte

© Alberto Pizzoli/AFP/Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 20/2019

Auch uns Small- und Mediumtalkern von der Gesellschaftskritik wäre es manchmal ganz recht, wenn sich der Wortausstoß in Schrift und Ton um uns herum ein bisschen reduzierte. Das Unterlassen von Fragen wie "Alles gut?" wäre ein Anfang, auch der Verzicht auf Rundmails, in denen man den Kollegen gebrauchte Kleinwagen oder fast geschenkte Bügelbrettbezüge aufdrängt oder mit nagelneuen Kindern angibt, "total erschöpft, aber unendlich glücklich".

Was uns zum Papst bringt, da "Oberhaupt einer Weltreligion" der einzige Beruf ist, in dem das Empfangen laut- und schriftloser Botschaften bereits teilweise zum Workflow gehört. Neulich waren 230 italienische Friseure bei Franziskus zu Besuch, und er ermahnte seine Gäste, nicht der "Versuchung der Geschwätzigkeit zu erliegen, die leicht mit eurem Arbeitsbereich verbunden wird".

Nun wissen auch wir Mentalitätsitaliener nicht, welche Erfahrungen der Papst mit diesem Berufszweig bisher gemacht hat, ob ihm vielleicht jemand freche Strähnchen andrehen wollte ("Mal was anderes, Pontifex"), was ihn insgeheim empörte, oder ob er sich nach göttlichem Beistand für seine Schäfchen auf dem Wohnungsmarkt erkundigt hat, weil Gespräche in urbanen Ballungsräumen immer irgendwann klingen wie beim Mieterbund, woraufhin sein Gesprächspartner nicht mehr zu stoppen war.

In weltlicheren Gegenden ist bekannt, dass es nicht die Friseure sind, die so viel quatschen, sondern die Kunden. Sobald sie auf dem höhenverstellbaren Stuhl sitzen, die Schnitthaarschutzjoppe übergeworfen bekommen und sich im Spiegel anschauen, reden sie fröhlich drauflos. Dabei gilt kein Beichtgeheimnis, während die Alufolie im Haar knistert oder sie warten, bis die Kur endlich einzieht.

Sie erzählen dann Geschichten über Ziegen, die sie unerlaubt im Garten halten, weshalb sie Probleme mit den Nachbarn bekommen, oder über ihre letzten missglückten Affären, etwa mit der emsländischen Wirsingprinzessin – all dieses Weh und Ach müssen Friseure täglich erdulden, und ihnen bleibt nur ein "Aha" und "Soso" und "Dörte, Sie sind mir ja eine!". Sie können nicht einmal Ave-Marias anordnen, wie der Papst, sondern allenfalls Gratispröbchen mitgeben, damit es am Scheitel fürderhin nicht mehr so fettet.

Kurzum: Friseure leisten die Arbeit von Priestern, allerdings ohne Durchgriff auf die irdische Seele. Und bevor wir uns nun fragen, was Papst Franziskus so alles seinem Friseur erzählt, wollen wir, weil Geschwätzigkeit ja auch mit unserem Arbeitsbereich verbunden wird, den Rat der katholischen Kirche befolgen und in höchster Wertschätzung für unsere Friseurinnen und Friseure ergeben schweigen.

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