© Johannes Kuczera

John Neumeier: "Kommen Sie. Ich zeige es Ihnen"

John Neumeier, Chef des Hamburg Balletts seit 46 Jahren, lebt in einem Museum. Kunst-Sammeln ist seine Leidenschaft, er besitzt 30.000 Exponate. Denn die Skulpturen, Zeichnungen und Bücher lassen ihn den Tanz noch besser verstehen. Interview:

Ein Stadthaus in einer ruhigen Hamburger Seitenstraße. John Neumeier wartet im Salon in der unteren Etage. Ein schlanker älterer Herr mit kurzen weißen Haaren. Im Februar ist er 80 Jahre alt geworden. Mit 23 kam er aus den USA nach Europa, er redet Deutsch mit zartem amerikanischem Akzent. Die Sonne scheint auf Regale, gefüllt mit Büchern, die bis zur Decke reichen, leuchtet die Tänzerskulpturen auf den Tischen und in den Glasvitrinen an. An den Wänden ist kaum noch Platz, überall hängen Zeichnungen, Bilder oder Fotos. Es sieht aus wie in einem Museum. Neumeier führt seit 1973 das Hamburg Ballett, gerade wurde sein Vertrag bis 2023 verlängert. Er hat eine Leidenschaft: Er sammelt. Neumeier besitzt seinen Angaben nach die weltweit größte Privatsammlung über Tanz und Ballett mit 30.000 Exponaten. Und er lebt in ihr.

ZEITmagazin: Herr Neumeier, Sie haben einmal gesagt: Sie sammeln, um zu verstehen. Verstehen Sie den Tanz nun besser?

John Neumeier: Das hoffe ich doch. Am Ende bin ich aber nicht. Für mich persönlich ist die Sammlung noch immer in erster Linie eine Informationsquelle, die direkt mit meinem Beruf zu tun hat. Und sie ist für mich eine ständige Inspiration. Wenn ich zum Beispiel ein Ballett über den Tänzer Vaslav Nijinsky inszeniere und ich mich frage, wie das Kostüm tatsächlich ausgesehen haben könnte, dann habe ich das Material dazu. (Er nimmt das Buch, das vor ihm liegt, in die Hand: "Ballet Portraits".) Das ist das allererste Buch, das ich für die Sammlung gekauft habe. Natürlich hatte ich damals keine Ahnung. Danach kam alles, was Sie hier sehen. Ich kann Ihnen nicht alles zeigen, das würde Wochen dauern. Ich behaupte auch nicht, dass ich alle Bücher gelesen habe, aber sehr viele. Es sind mehr als 14.000. Manche sind in Sprachen, die ich gar nicht spreche – Chinesisch, Japanisch, viele in Russisch. Zu Beginn habe ich wirklich nur für mich gesammelt, damit ich Informationen bekomme. Dann hat sich das erweitert. In Zukunft soll meine Sammlung für jeden da sein, der sich für Tanz interessiert.

ZEITmagazin: Mit diesem Buch fing also alles an. Wann kauften Sie es?

Neumeier: Ich war acht oder neun Jahre alt und lebte in Milwaukee, Wisconsin (USA). Da wurde ich von meiner Tante nach Cleveland eingeladen. In einem Warenhaus mit Souvenirs von Cleveland habe ich dieses Buch gefunden. Es sind Biografien von Tänzern mit sehr vielen Abbildungen. Ich hatte ein bisschen Taschengeld. Wahrscheinlich hat es so um die sechs Dollar gekostet.

ZEITmagazin: Sie brauchten Informationsmaterial. Als Vierjähriger hatten Sie gemeinsam mit Ihrer Mutter ein Musical im Kino gesehen und waren von den Tanzeinlagen derart begeistert gewesen, dass Sie mit Stepptanz und Akrobatik begannen.

Neumeier: Ja, nach Milwaukee kamen damals vielleicht zwei amerikanische Ballettkompanien zwei-, dreimal im Jahr auf Tournee. Ich habe Tanz und Ballett also nur aus der Ferne beobachten können. Insofern waren Bücher die einzigen Quellen, aus denen ich Informationen bekommen konnte.

ZEITmagazin: Milwaukee, die amerikanische Provinz in den Fünfzigerjahren, wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert, dass Sie tanzen wollten?

Neumeier: Meine Eltern haben mich unterstützt. Ich trainierte in einer kleinen Tanzschule. Ab und zu machten wir Aufführungen, zu denen alle Verwandten kamen. Ich habe keinen Widerstand gespürt. Gleichzeitig gab es in der Stadt aber eben keine feste Ballettkompanie oder Schule. Mir war nicht ganz klar, durch welche Tür ich gehen müsste, um in die Tanzwelt zu gelangen.

ZEITmagazin: Hat das Sammeln diese Tür geöffnet?

Neumeier: Rational sicherlich. Ich habe dadurch mehr Verständnis für Tanz entwickelt. Aber noch bevor ich tanzte, habe ich Zeichen- und Malunterricht genommen, ich hatte ein gewisses Talent. Für mich war damals, als ich dieses erste Buch kaufte, unklar, ob ich malen oder tanzen sollte.

ZEITmagazin: Wann und wie haben Sie das entschieden?

Diese Bronze des Künstlers Maurice Guiraud-Rivière hat keinen Namen – in Sammlerkreisen nennt man sie "athletic man" oder "dancing man". © Johannes Kuczera

Neumeier: Ich wusste nicht, was ich wollte. Meine Eltern hatten nichts mit Theater oder Ballett zu tun, meine Mutter war Hausfrau und mein Vater Kapitän. Ich war gut in der Schule, also studierte ich ihnen zuliebe zunächst Englisch, Literatur- und Theaterwissenschaften an der Marquette University in Milwaukee. Die Theaterabteilung dort war sehr stark, wir hatten Aufführungen an den Wochenenden. Der Direktor, ein Jesuitenpriester und sehr guter Regisseur, sah auch Tanz und Bewegung als wichtigen Teil des Unterrichts an. Als er mich tanzen sah, sagte er: "Was machst du hier? Du bist ein Tänzer!" Das war der entscheidende Moment. Die Universität hatte Verbindungen zu einer sehr guten Ballettschule in Chicago. Die Lehrerin ist dreimal die Woche gekommen, und ich bin zweimal in der Woche nach den Vorlesungen dorthin zum Training gefahren.

ZEITmagazin: Der russisch-polnische Meistertänzer Vaslav Nijinsky, der so etwas wie das Herz Ihrer Sammlung hier im Haus ist, hat auch getanzt und gezeichnet.

Neumeier: Das ist aber auch die einzige Parallele. Die Eltern von Nijinsky waren beide Tänzer. Er war also geradezu für diesen Beruf prädestiniert. Er hatte schon mit vier, fünf Jahren Tanzunterricht und wohnte in St. Petersburg, der Stadt mit einer der ältesten und bekanntesten Balletttraditionen der Welt. Nijinsky hat mit acht Jahren dort vorgetanzt und wurde aufgenommen. Er ist also das völlige Gegenteil von mir. Ich kannte ja überhaupt keine Tänzer, habe sie nur von Weitem bewundert. Als ich das Buch The Tragedy of Nijinsky gelesen habe, bekam das magische Kästchen, als das ich das Ballett damals wahrnahm, ein lebendiges Gesicht. Denn darin geht es auch um menschliche Schicksale und sogar um Probleme innerhalb seiner Familie.

ZEITmagazin: Was fasziniert Sie an Nijinsky besonders?

Neumeier: Einfach alles. Seine Ausstrahlung als Tänzer muss atemberaubend gewesen sein, als Choreograf hat er mit revolutionären Werken wie Jeux und Le Sacre du Printemps das Ballett in die Moderne geführt. Auch als Maler war Nijinsky auf Augenhöhe mit den führenden Künstlern seiner Zeit. Bei dieser Vielfalt an Fähigkeiten ist es erstaunlich, dass er sich selbst kaum in Szene gesetzt hat. In seinen Werken ließ er sich höchst sensibel auf die ihn umgebende Welt ein – auch auf das Grauen des Ersten Weltkriegs. Immer wenn ich mir Nijinskys umfassendes Gesamtwerk vor Augen halte, bin ich tief berührt von seinem tragischen Schicksal, seiner jahrzehntelangen psychischen Krankheit.

ZEITmagazin: Wer sammelt, muss auch einen gewissen Jagdinstinkt haben. Werden Sie zum Jäger, wenn Sie ein bestimmtes Objekt unbedingt besitzen wollen?

Neumeier: Das hat sich so entwickelt. Zunächst wollte ich nur mehr wissen. Für eine Sammlung braucht man auch die finanziellen Mittel, und die hatte ich als Kind natürlich nicht. Dieser gewisse Fanatismus kann sich erst entfalten, wenn man es sich leisten kann. In einem Raum hier habe ich viele Stiche und Lithografien aus dem 19. Jahrhundert, diese konnte ich vor 40, 50 Jahren sehr günstig kaufen. Heute findet man sie kaum noch.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Ein beeindruckender Künstler - ich habe ihn einmal persönlich kennenlernen dürfen, vor vielen Jahren ...
Es ging damals darum, dass die Hamburger Pfeffersäcke die nötigen Märker für ein richtig modernes Ballett nicht rausrücken wollten - Tänzerinnen ohne Tutu ging damals noch nicht so richtig, obwohl im öffentlich rechtlichen Fernsehen des Öfteren sehr schöne Stücke des Königlich Dänischen Tanztheaters zu sehen waren.
OK, für 46 Jahre haben die Märker dann doch gereicht, herzlichen Glückwunsch dazu, Herr Neumeier, und bitte verzeihen Sie, dass Ihre Kunst bei mir mit den Jahren etwas in den HIntergrund geraten ist.