Oberbekleidung: Das Ass ist der Ärmel

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 20/2019

Es gibt kaum eine Designerin oder einen Designer, der oder die sich in diesem Sommer keine besonderen Gedanken über Ärmel gemacht hat. Auf dem Laufsteg sind viele verschiedene Arten von Ärmeln präsent. Bei Valentino, Louis Vuitton, Balmain, Rick Owen sowie Burberry kann man sehen: Puffärmel und Ballonärmel schaffen eine neue Gestalt des Körpers, aufwendig geformte Ärmel werden zum wichtigsten Teil eines Kleides.

Wobei man sich fragen muss: Was soll man eigentlich mit dem ganzen Geärmel anfangen – all dem Stoff? Mit mächtigen Ärmeln kann man vor allem eines tun: anmutig dastehen. So ein Ärmel bleibt beim Essen in der Tomatensoße hängen, er stört eigentlich bei allem, was man macht. Außer beim Gutaussehen. Denn nur dafür ist die neue Ärmelmode bestimmt. Wenn man im Bereich der Unterarme viel Stoff zeigt, dann wird die Aufmerksamkeit in Richtung Körpermitte gelenkt. Der Silhouette wird sogleich etwas Skulpturales verliehen, es schafft etwas Fließendes, wie bei einer Robe.

Der Ärmel ist schon ein Statement, seit es ihn gibt, all die Jahrhunderte hindurch: Adelige trugen im 11. Jahrhundert tütenförmige Ärmel, die mit Perlen und Edelsteinen besetzt waren. Die Ärmel waren am Oberarm eng anliegend, am Ellenbogen weit und wieder eng am Unterarm. Ende des 12. Jahrhunderts blieben die Ärmel bis knapp vor das Handgelenk eng und wurden dann weit, mit bis zum Boden herabhängenden Schlaufen. Im 14. Jahrhundert kam in England eine neue Form von Ärmeln auf: die Fledermausärmel, bei denen der Ärmel ab dem Ellenbogen bis zu den Schultern weit auslief. Während des Spätbarocks setzten die Ärmel bei einem fülligen Dekolleté tief an und liefen fast waagrecht zum Arm hin, um dann in eine leicht gebauschte Oberarmpuffe überzugehen. Ende des 18. Jahrhunderts lagen die Ärmel zunächst wieder enger an, wurden nun aber mit Rüschen oder transparentem Stoff besetzt. Im Biedermeier schließlich wurden Keulenärmel populär, die am Oberarm besonders bauschigen Stoff aufwiesen.

Welche aufwendigen Formen Ärmel auch annahmen, stets ging es darum, zu zeigen, dass man sich viel Stoff und Schmuck leisten konnte – und die Arme nicht gebrauchen musste, um damit körperliche Arbeit zu verrichten.

Heute, wo die skulpturalen Ärmel zurück sind, helfen sie wieder, ikonische Bilder zu schaffen, wie in den vergangenen tausend Jahren zuvor. Nur dass die nicht mehr in Öl gemalt werden, sondern in Pixeln. Unsere von Instagram geprägte Kultur will es so. Auch wenn man mit den Dingern überall hängen bleibt. Davon postet allerdings niemand ein Bild.

Foto: Peter Langer / Arm dran: Oberteil von Valentino

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"Mit mächtigen Ärmeln kann man vor allem eines tun: anmutig dastehen. So ein Ärmel bleibt beim Essen in der Tomatensoße hängen, er stört eigentlich bei allem, was man macht. Außer beim Gutaussehen. Denn nur dafür ist die neue Ärmelmode bestimmt. Wenn man im Bereich der Unterarme viel Stoff zeigt, dann wird die Aufmerksamkeit in Richtung Körpermitte gelenkt. Der Silhouette wird sogleich etwas Skulpturales verliehen, es schafft etwas Fließendes, wie bei einer Robe."

Schön geschrieben, Herr Prüfer, danke für diese Ausgabe Ihrer Stilkolumne.

Die Akzentuierung der Sanduhr-Silhouette ist die zeitlose Rechtfertigung der anachronistisch wirkenden voluminösen Ärmel. Deshalb stehen Puffärmel den meisten Frauen äußerst gut.

Yves Saint Laurent leitete mit seinen eleganten Entwürfen der späten 1970er Jahre die längste Renaissance der gebauschten Ärmelvarianten ein. Ästhetische, eher schlank geschnittene Keulenärmel fehlten bis zum Ende der Achtziger in keiner seiner legendären Kollektionen. Zu den Highlights der Cocktail- und Ballmode gehörten Abendblusen oder Roben aus Seidentaft oder anderen steifen Stoffen, die neue Ärmelformen möglich machen.

Neben der fehlenden Alltagstauglichkeit der Haute Couture-Entwürfe war es vor allem das optisch misslungene Downgrading in Form der Massenmode aus Kunstfasern, die bauschige Ärmel für eine ganze Generation zum No-Go machten. Inzwischen haben sich Bild und Selbstbild der Frauen so sehr gewandelt, dass der Trend kurzlebig sein wird.