© Silas Bahr

Das war meine Rettung "Ich musste zu schnell erwachsen werden"

Nach dem Tod seiner Mutter befreite eine Therapie den Musiker von Verlassensängsten. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 20/2019

ZEITmagazin: Herr Peirani, Sie kommen aus einer Familie voller Wissenschaftler. Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie Musiker werden wollten?

Vincent Peirani: Mein Vater war von meiner Liebe zur Musik nicht so angetan, aber er hat mich unterstützt. Als ich die Schule beendet hatte, durfte ich ein ganzes Jahr lang ausprobieren, was ich wollte. Ich verließ Nizza, um am Pariser Konservatorium Akkordeon zu studieren. Aber ein Akkordeon war in diesen heiligen Hallen neu. Das Konservatorium hat strenge Regeln, welche Instrumente zugelassen sind, und das Akkordeon war eine Art Blackbox. Also studierte ich Klarinette und nahm parallel für das Akkordeon bei einem Professor Privatunterricht.

ZEITmagazin: Wann haben Sie sich für den Jazz entschieden, anstatt klassische Musik zu machen?

Peirani: Mit 17 Jahren erkrankte ich an Krebs. Ein Freund brachte mir damals eine CD von Bill Evans ins Krankenhaus, You Must Believe in Spring, und eine CD von Sixun, einer französischen Fusion-Band. Ich hatte schon immer viel Musik gehört, aber als ich das hörte, dachte ich: "Wow!" Meine Laune war gleich besser. Ich fragte meinen Freund: "Was ist das für Musik?" Und er sagte: "Das ist Jazz." Ich hatte richtig Gänsehaut und schwor mir: Wenn ich überlebe, dann will ich diese Musik lernen und spielen.

ZEITmagazin: Können Sie Ihre Faszination für Jazz beschreiben?

Peirani: Jazz ist für mich die beste Art, mich auszudrücken, mich frei zu fühlen. Aber du musst erst mal deine Grenzen kennen, um wirklich frei sein zu können. Ich musste erst die klassische Musik lernen, um eine Balance innerhalb der Musikrichtungen zu finden. Klassische Musik ist geschriebene Musik, du musst verstehen, was der Komponist sagen will, es respektieren. Jazz dagegen ist vollkommen offen. Du spielst eine Melodie, und dann kannst du machen, was du willst – als ob du auf einem Seil balancierst und versuchst, nicht runterzufallen. Aber wenn du fällst, kann trotzdem etwas Großes passieren.

ZEITmagazin: Wie haben Sie erfahren, dass Sie an Krebs erkrankt sind?

Peirani: Ich spürte damals die Lymphknoten unter meinem Arm und auf meiner Brust. Wenn ich Akkordeon spielte, drückte es auf diese Knoten. Der erste Arzt sagte mir, es seien nur Zysten. Das war ein schwerwiegender Fehler. Ich bekam danach ziemliche Schmerzen, und meine Haut glich einem Regenbogen. Eine Dermatologin, mit der ich befreundet war, sagte mir dann, dass ich Krebs habe.

ZEITmagazin: Was war Ihre erste Reaktion?

Peirani: Ich bin ein Optimist. Für meinen Vater war es ein Schock, da meine Mutter ein Jahr zuvor an Krebs gestorben war. Sie hatte sechs Jahre lang gegen den Krebs gekämpft. Ich sagte ihm, dass ich diese Krankheit wie einen Infekt sehe – es ist eine Auszeit, und wir werden mehr Zeit miteinander verbringen. Diese Haltung half mir. Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich es schaffe. Ich hatte keine Angst. Ich dachte: Meine Zeit ist noch nicht gekommen, ich werde die Krankheit besiegen.

ZEITmagazin: Wie hatten Sie kurz zuvor den Tod Ihrer Mutter verkraftet?

Peirani: Um mich zu schützen, hatten mein Vater und meine beiden älteren Schwestern sich entschieden, mir nicht zu sagen, wie krank meine Mutter wirklich war. Ich war daher nicht auf ihren Tod vorbereitet, und er traf mich wie ein gewaltiger Schlag. Jahre später wurde mir klar, dass ich wütend auf meine Mutter war, weil ich das Gefühl hatte, sie habe mich ohne Rücksicht verlassen. Ihr Tod und meine Krankheit waren eine Katastrophe. Ich musste zu schnell erwachsen werden. Es war eine Achterbahnfahrt mit allen Höhen und Tiefen. Erst Jahre später entschied ich mich zu einer Psychotherapie und fand mein Gleichgewicht wieder.

ZEITmagazin: Was gab nach einer so langen Zeit den Ausschlag, einen Psychologen aufzusuchen?

Peirani: Nach dem Tod meiner Mutter verliefen alle meine Beziehungen mit Frauen nach dem gleichen Muster: Wenn alles super lief, fand ich immer eine Ausrede, warum sie doch nicht die Richtige ist, und machte Schluss. Als ich meine Frau traf, wusste ich, sie ist vollkommen für mich. Von da an wollte ich nicht mehr davonlaufen, und mir wurde klar, ich muss an mir arbeiten.

ZEITmagazin: Hat Ihnen die Therapie geholfen?

Peirani: Als ich meiner Mutter verzeihen konnte, gab mir das etwas mehr inneren Frieden. Die Therapie half mir, mich innerlich zu reinigen, zu erkennen, wer ich bin und welche Verhaltensmuster ich ablegen muss. Obendrein hat das alles sogar meine Musik verändert. Ohne mehr zu üben, spiele ich besser, weil sich in mir etwas verändert hat. Der Psychologe hatte mir das vorausgesagt, und so ist es auch gekommen. Aber es gibt in mir immer noch verschlossene Kisten, die ich öffnen muss.

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