Beluga-Wal: Über prominente Tiere

© Joergen Ree Wiig/​dpa
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 21/2019

Das Trojanische Pferd war schon ein ganz guter Einfall damals, aber gegen den Beluga-Wal Hvaldimir wirkt die Idee doch etwas hölzern. Sosehr sich die Trojaner damals freuten über das Pferd, so nah an ihr Herz wie uns der Beluga-Wal Hvaldimir kann es ihnen nicht gegangen sein. Denn Hvaldimir ist ein lebendiger Wal und noch dazu ein putziger, fast schon delfinartig schön mit seiner glatten Haut ohne See- pocken, wie sie Buckelwale haben.

Der Beluga-Wal Hvaldimir ist vor der norwegischen Küste entdeckt worden, und weil er zwei Gurte umgeschnallt hatte, die möglicherweise aus St. Petersburg stammen und dazu dienen, eine Kamera daran zu befestigen, hält die Welt ihn für einen russischen Spion – und ist ganz entzückt. Das ARD-Prominenten-Magazin Brisant berichtete ganze 2:44 Minuten. In dem Fernsehbeitrag, mit sanften Naturdokuklängen unterlegt und kindernachrichtenartig betextet, ist zu sehen, wie der Wal nach einem Fischfilet schnappt, das ihm offenbar hingeworfen wurde, wegen der schönen Bilder. Fressen tut er das Fischfilet allerdings nicht. Offenbar waren vor der ARD schon ein paar weitere fütternde Weltreporter da.

Die ARD-Kollegen vermuten, der Wal sei aus seinem russischen "Gefängnis entkommen". Daran glauben wir auf gar keinen Fall. Der Wal ist in Wirklichkeit kein Spion und schon gar kein entkommener, sondern wurde natürlich in der puren Absicht in Nato-Gewässer geschickt, die Herzen der 934 Millionen Nato-Einwohner zu erobern. Ein Wal, das wusste Wladimir Putin, könnte zu einem Sympathieträger der Größenordnung Knut, der Eisbär, aufsteigen. Der Plan, einen Spionage-Eisbären aus Sibirien mit Puschelmikrofon-Vorrichtung im Fell im Zentrum von Berlin auftauchen zu lassen, wurde übrigens von Putin persönlich verworfen: zu unglaubwürdig!

Der Beitrag bei Brisant zeigt, wie perfekt der Plan bislang aufgegangen ist. Das Tier sei "zahm", erklärt die Kindernachrichtenstimme, und an Menschen gewöhnt. Und schon sieht der Fernsehzuschauer vor seinem inneren Auge Wladimir Putin höchstpersönlich mit dem Wal durchs Meer tollen und ihn liebevoll trainieren. Wo Putin doch noch nie Angst hatte vor großen wilden Tieren. Und dann der Name, den sich die Norweger ausdachten: Hvaldimir! Perfekt! Denn nun werden Tier- und Präsidentenname langsam eins.

Besonders perfide: Sehen sie sich nicht sogar ein kleines bisschen ähnlich, die beiden? Immer wenn man jetzt Putin sieht, denkt man sofort an den süßen Wal. Gegen Russland Krieg führen, das geht ab sofort einfach nicht mehr.

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