Harald Martenstein: Ein Gespräch mit einem alten Freund über die jungen Leute von früher und die von heute

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 21/2019

Ich saß mit einem alten Freund beim Wein. "Kann doch auch sein", sagte er, "dass wir einfach nur zu alt sind. Vielleicht kapieren wir deshalb manche Sachen nicht mehr, die in der Gesellschaft vor sich gehen. Nimm nur den Greta-Wahnsinn."

Es sei doch immer so gewesen, fuhr er fort, dass Menschen unseres Alters die Gegenwart und die Jugend skeptisch beurteilten. Seit der Antike schon! Man müsse nur daran denken, wie es war, als wir zwanzig, dreißig gewesen sind – irgendwie genauso. Die meisten Alten waren entsetzt darüber, wie wir dachten. Und das, begreife er heute, sei ja auch ihr gutes Recht gewesen. Der Unterschied zu damals sei natürlich, dass "Alter" heute negativ besetzt ist, weil Erfahrung nicht mehr zählt und so weiter. "Das macht einen dann schon wütend", sagte er. "Alle kriegen heute Respekt, bloß wir nicht mehr. Das soll jetzt aber nicht weinerlich klingen."

"Das Niveau ist heute ja auch ganz anders", sagte ich. "Ob die Idole einer Generation Camus, Kant und Kafka heißen oder Joko Winterscheidt und Greta Thunberg, das ist schon ein Unterschied. Auch zwischen den theoretischen Schriften von Lenin und den Interviews von Robert Habeck ist ein Gefälle erkennbar, bei aller Kritik an Lenin."

"Deine Vergleiche sind unfair", sagte der Freund. "Unsere Greta Thunberg war doch nicht Kafka. Das war Nicole mit dem Song Ein bisschen Frieden. Es ist ja dann auch tatsächlich jahrelang kein großer Krieg ausgebrochen, nach dem Lied von Nicole. Wir haben aufs richtige Pferd gesetzt."

"Die Entwertung des Alters hat mit der Popkultur zu tun", sagte ich. "Die Popkultur mit ihrem Jugendkult war ein Werk von Menschen unserer Generation und der Generation vor uns. Wir haben’s uns selbst eingebrockt. Bizarr ist, dass ausgerechnet die alten Stars, die Stones, Rod Stewart, Elton John, sich heute generationsübergreifenden Respekts erfreuen. Man dachte früher, die dürfen nicht alt werden. Nein, die dürfen es. Man müsste Klavier spielen können."

Interessanterweise, stellten wir übereinstimmend fest, seien heute tendenziell eher die Alten rebellisch als die Jungen. Es hat sich umgekehrt. Wobei man sich natürlich erst mal über die Definition des Wortes "rebellisch" einigen muss. Manche halten ja Greta für rebellisch. Aber jemand, der vom medialen Mainstream bejubelt wird und vor den Vereinten Nationen spricht, kann unmöglich rebellisch sein. Echte Rebellen werden vom Mainstream erst mal gehasst, das steht fest.

Der Freund sagte: "Unsere Generation ist zwei Mal rebellisch gewesen, erst als junge und jetzt wieder. Eigentlich toll. Neu ist, dass es mit Twitter und Shitstürmen eine Art geistiger Massenvernichtungswaffe gibt, um Leute einzuschüchtern. Es gibt diese Angst, als Person fertiggemacht zu werden, die eindeutig neu ist. Wenn man alt ist und sein Schäfchen im Trockenen hat, ist man dafür weniger anfällig. Auch gut."

Vor der Lektüre von Artikeln schaue er sich neuerdings immer die Fotos an. Aus dem Foto der Person, um die es geht, lasse sich sofort die Tendenz erkennen. "Wenn sie jemanden runtermachen wollen, suchen sie ein unvorteilhaftes Foto aus. Dann weißt du, was im Text steht, und kannst weiterblättern."

Ich sagte: "Radikale Bewegungen sind immer Jugendbewegungen. Nimm die Nazis, die Bolschewiken, den 'Islamischen Staat', es stimmt immer."

"Und? Was soll das heißen?"

"Wir sind die, die auf der Bremse stehen. Wir sind die Klügeren, und wir bremsen auch für Dumme. Wozu hat man jahrzehntelang Kafka gelesen?" Es wurde Zeit für einen weiteren Wein.

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