Ludovico Einaudi: "Wenn ich mal eine Nacht nicht geträumt habe, fehlt mir etwas"

© Max Zerrahn
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 21/2019

Einmal stand ich mit Paul McCartney in einem Fahrstuhl, nur wir zwei, und auf einmal fing er an, einen Beatles-Song für mich zu singen. Ich überlegte, welches Stück das sein könnte, dann ging mir auf, dass ich dieses Lied noch nie gehört hatte – obwohl ich wirklich alle Songs der Beatles kenne. Es war auf jeden Fall eine unvorstellbar tolle Melodie, und ohne dass Paul es mir sagen musste, wurde mir klar, dass sie noch nie jemand vor mir gehört hatte. Ich war völlig überwältigt und wollte, dass Paul immer weitersingt, aber dann bin ich leider aufgewacht und war enttäuscht und begeistert zugleich.

Ich träume jede Nacht, meistens verflüchtigen sich meine Träume gleich nach dem Aufwachen. Das im Traum Erlebte möchte ich natürlich festhalten, aber das gelingt mir leider nur selten.

Nach Konzerten dauert es oft sehr lange, bis ich in den Schlaf finde, manchmal liege ich noch einige Stunden wach. Ansonsten ist mein Schlaf aber meistens tief und erholsam.

Und auch wenn ich mich nicht im Detail an sie erinnern kann, weiß ich, dass meine Träume meistens wunderbar sind. Wenn ich mal eine Nacht nicht geträumt habe, fehlt mir etwas. Ich habe zwar nur selten Albträume, aber einer hat mich als Kind lange begleitet. Wobei das weniger ein Traum als ein Körpergefühl war: Ich begann im Schlaf immer zu zittern, besser gesagt, zu vibrieren, wie ein laufender Dieselmotor. Denn in diesen Träumen war ich in dem Motor eines Autos eingesperrt: Ich wurde durchgeschüttelt, und zwar immer so heftig, dass ich davon irgendwann aufgewacht bin. Für mich als Kind waren das furchterregende Erlebnisse.

In meiner Kindheit träumte ich davon, Fotograf zu werden. Ich war zwölf, als mir mein Vater eine Rolleiflex-Kamera schenkte, die ich von da an überallhin mitnahm. Ich fotografierte alles. Ich hatte auch gelernt, wie man Bilder entwickelt, und verbrachte damit viele Stunden.

Eines Tages wurde dann bei uns in Mailand eingebrochen, auch meine geliebte Kamera nahmen die Diebe mit. Ich war so traurig, dass ich jahrelang nicht mehr fotografierte. Ich hatte wirklich eine enge Beziehung zu dieser Kamera entwickelt und wollte einfach keine andere haben. Die Musik hat mich in dieser Zeit getröstet und wurde schließlich zu meiner größten Leidenschaft.

Seit einigen Jahren fotografiere ich wieder. Wenn ich auf Tournee bin, habe ich immer fünf bis sechs Kameras im Gepäck, darunter auch eine neue Rolleiflex. Ich gehe jeden Tag spazieren und mache Bilder, manchmal nur für eine Stunde, aber wenn ich in der Natur unterwegs sein kann, können es auch mal viele Stunden werden. Wenn ich in Berlin bin, sehe ich immer zu, dass mir genügend Zeit bleibt, im Zoologischen Garten umherzuspazieren.

Am liebsten bin ich allein unterwegs, da träume ich ungestört, auch tagsüber, und mache meine Fotos. So viele meiner Träume verflüchtigen sich – diese Bilder helfen mir, mich an schöne Dinge zu erinnern.

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Empirisch oder neurowissenschaftlich kann ich das nicht nachweisen, aber habe ich selbst auch schon gehabt, Melodien und Texte zu erträumen, die im Wachzustand sogar verwertbar waren. Das Gehirn ist in der Denkarbeit wahrscheinlich noch aktiv, hat im Schlaf vielleicht sogar mehr Kapazität dafür?! Bei einem Profi-Komponisten läuft das sicherlich nochmal intensiver und häufiger ab, vielleicht bis zu luzid...