Roboter: Sie kommen

In der Arbeitswelt sind Roboter längst üblich. Nun arbeiten Forscher daran, sie auch ins Privatleben der Menschen zu holen – sie sollen nicht nur helfen, sondern sogar unsere Freunde werden. Von
ZEITmagazin Nr. 21/2019

Wenn man die Räume der Personal Robots Group betritt, einer Forschungsgruppe am MIT Media Lab in Cambridge bei Boston, meint man, in einer Puppenwerkstatt gelandet zu sein: überall in den Regalen bunte Zottelkameraden, die auch in der Sesamstraße auftreten könnten. Auf einem Tisch hockt ein schwarz-gelber Gnom, katzengroß, daneben einer in Grau-Orange, einer in Grün-Blau. Ihre Köpfe sind gesenkt, als würden sie ein Nickerchen halten. Auf einem Sideboard sitzt ein haariges Wesen mit großen Augen. Mit seiner niedlichen Hundeschnauze und seinen Fledermausohren könnte es sich als Haustier in einer Star Wars-Episode bewerben. Und dann ist da noch ein kleiner weißer Kerl, der sich bewegt wie eine hyperaktive Nachttischlampe. Er heißt Jibo, mindestens 50 seiner Artgenossen sind im Raum verteilt. Manche scheinen ab und zu ihre Köpfe nach Besuchern zu recken.

All diese Figuren sind Roboter – für Erwachsene, für Schüler, für Kleinkinder. Sie alle ruckeln und surren hier ihrer Zukunft als Alltagsbegleiter der Menschen entgegen.

Es ist still in diesem Raum, abgesehen vom dezenten Summen kleiner Elektromotoren und dem Klappern von Computertasturen. Ein paar Mitarbeiter sortieren schweigend Dokumente oder basteln mit Lego-Steinen. Ja, tatsächlich: Auf einem Tisch steht ein Roboter, der aus buntem Lego gebaut ist. So wird am renommierten Massachusetts Institute of Technology das Zeitalter der Haushaltsroboter angeschoben – mit Spielzeug.

Doch was hier so verspielt aussieht, ist die Suche nach Antworten auf echte Menschheitsfragen: Wie werden Menschen und Roboter später einmal zusammenleben? Und wie lässt sich dieses Zusammenleben so gestalten, dass es für die Menschen eine Verbesserung darstellt?

In der Arbeitswelt sind Roboter ja schon längst angekommen: Laut einem Bericht des US-Thinktanks Information Technology and Innovation Foundation kommen in Südkorea bereits sieben Roboter auf hundert Beschäftigte, in Deutschland sind es etwas mehr als drei, in den USA erst zwei. Doch vermehrt dringen Roboter auch in das Privatleben vor. Zwar werden wir wohl noch lange auf Geräte warten müssen, die sich auf zwei Beinen durch den Haushalt bewegen und beim Servieren und Wäscheaufhängen helfen. Doch der Staubsaugerroboter Roomba von iRobot hat sich nach Herstellerangaben bereits mehr als 20 Millionen Mal verkauft. Auch beim Fensterputzen und Rasenmähen können Roboter inzwischen helfen. Roboter werden uns kutschieren: Der Autohersteller Tesla hat angekündigt, schon 2020 eine Flotte von Robotertaxis am Start zu haben. Roboter werden zu Kurieren: In der englischen Stadt Milton Keynes sind Bringdienst-Roboter auf sechs Rädern unterwegs, die Einkäufe an Haushalte liefern.

Voriges Jahr spekulierte die Nachrichtenagentur Bloomberg, Amazon würde an einem Haushaltsroboter arbeiten. Solche Gerüchte werden von Amazon grundsätzlich nicht kommentiert. Entsprechende Andeutungen werden dennoch gemacht. Amazons Chefentwickler in der Abteilung für künstliche Intelligenz, Rohit Prasad, verkündete zur Zukunft von Amazons Sprachassistenten Alexa: "Der einzige Weg, einen intelligenten Assistenten intelligenter zu machen, ist, ihm Augen zu geben und ihm zu erlauben, die Welt zu erkunden." Ein Ziel sei es daher, dem Tischlautsprecher Alexa eine andere physische Form zu geben. Da von diesem Gerät laut Amazon bereits 100 Millionen Stück verkauft worden sind, könnte das Zeitalter des Haushaltsroboters früher anbrechen, als bisher angenommen – nämlich sobald Amazon Alexa Beine (wahrscheinlicher: Räder) macht.

Und wenn Roboter erst einmal Teil unseres Alltags sind, dann werden wir ihnen emotional noch enger verbunden sein als unseren bisherigen Geräten. Roboter könnten zu Hausgenossen alter Menschen werden, zu Freunden unserer Kinder, zu unseren ständigen Wegbegleitern.

Welche Rollen können Roboter übernehmen? Was werden wir für sie empfinden? Wie werden sie uns wahrnehmen? All diese Fragen werden derzeit eifrig untersucht. Noch nicht so sehr in der Öffentlichkeit, umso intensiver aber in den Entwicklungsabteilungen der Tech-Konzerne, in Thinktanks und Laboren.

Ein Dutzend Mitarbeiter der Personal Robots Group in Boston lebt schon jetzt in dieser Zukunft – gemeinsam mit den Robotern, die sie entwickeln. Sie nennen sie "Social Robots".

"Eine Technologie, die die Menschen annehmen sollen, muss ansprechend gestaltet sein," sagt Cynthia Breazeal, die Leiterin der Forschungsgruppe. Deswegen seien die Roboter, die sie dort entwickeln, auch alle so niedlich. In Breazeals Büro stehen allerlei Spielzeugroboter im Regal, unter ihnen die Ikonen aus den Star Wars-Filmen. Auf ihrem Schreibtisch thront ein Exemplar des Roboters Jibo, den Breazeal mitentwickelt hat.

Jibo kann dank seiner Internetverbindung Musik abspielen, Nachrichten vermelden, Fragen aller Art beantworten. Darin ähnelt er anderen sprachgesteuerten Systemen wie Alexa, Google Home oder Apples Siri. Doch Jibo blickt außerdem noch mit zwei Kameras in die Welt, mehrere Mikrofone ermöglichen ihm räumliches Hören. Er hat einen beweglichen Kopf und kann Gesichter erkennen. Wenn man den Raum betritt, wendet sich Jibo dem Besucher zu und begrüßt ihn. Wenn er nichts zu tun hat, schaut er in der Gegend herum, ruckelt ein bisschen herum – es sieht aus, als wäre ihm langweilig. Jibo schaffte es bis zur Marktreife, in den USA konnte man ihn etwas mehr als ein Jahr lang kaufen, auf dem Cover des Magazins Time wurde er 2017 als bedeutendste Innovation des Jahres gefeiert.

"Jibo ist kein Ding, er hat eine Persönlichkeit", sagt Breazeal. Diese Worte zu sagen fällt ihr merklich schwer. Als wir uns zum Interview treffen (es war im vergangenen Dezember), ist gerade bekannt geworden, dass der Hersteller ihres Schützlings pleite ist. Darauf angesprochen, werden Breazeals Augen feucht. Sie könne das nicht kommentieren, sagt sie. Nur so viel: "Ein erfolgreiches Produkt zu machen ist eine Sache, ein erfolgreiches Geschäft zu machen ist ein ganz anderes Problem." Jibo wurde vor allem durch Crowdfunding finanziert. Alle hier fürchten um ihn. Es ist nicht bloß der Markterfolg eines Produktes in Gefahr, es ist eher so, als fürchte man um das Leben eines Freundes.

Roboter sind eben mehr als nur Apparate. Cynthia Breazeal sieht in Robotern ideale Partner des Menschen. "Ich will Technologien entwickeln, die es Menschen ermöglichen, sich besser zu entwickeln", sagt sie. Sie glaubt an Möglichkeiten im Bildungssektor etwa. Viele Kinder würden nicht rechtzeitig gefördert. Besser als am Bildschirm eines Computers lernen Kinder, sagt sie, wenn sie als Lernhilfe einen Roboter, also etwas Körperliches vor sich hätten, darüber gebe es "gesicherte Erkenntnisse". Auf die Frage, ob Kinder nicht am besten lernten, wenn sich ein Mensch mit ihnen beschäftige, antwortet sie: "Sicher, aber oft geschieht das eben nicht." Der Mangel an Lehrkräften sei ja real, viele Kinder in den USA bekämen nicht die Förderung, die sie brauchten. Und genau da könnten ihrer Meinung nach Roboter helfen: nicht als Ersatz für Lehrer, sondern zu ihrer Unterstützung.

Da ist zum Beispiel Tega, eine Kreatur aus Breazeals Labor, die Kinder auf die Schule vorbereiten soll. Während er mit seinen blauen Kulleraugen rollt, erzählt er Geschichten und setzt eine Diskussion in Gang. Dabei testet er das Vokabular der Kinder, registriert ihre Reaktionen durch sein Kamera-Auge und versucht ihre sprachlichen Fähigkeiten nach und nach zu erweitern. Er hat selbst eine Kinderstimme und kichert gern. Tega hat alles, was ein Kind begeistert, das mit modernen Comicfiguren aufgewachsen ist. Vor allem aber hat Tega Zeit und Geduld. Mehr Zeit, als die meisten Vorschullehrer in den USA, mehr Geduld als viele Eltern.

Ein anderes aktuelles Projekt sind die "PopBots", die die Wissenschaftlerin Randi Williams entworfen hat. Auch mit ihnen sollen Kleinkinder spielend lernen. Im Grunde ist ein PopBot ein Smartphone in einer aus Lego-Steinen gebauten Halterung. Auf dem Display des Handys leuchtet ein heiteres Robotergesicht, über die Kamera werden Objekte identifiziert. Williams führt es vor. Sie greift in eine Kiste, in der Obst und Gemüse aus Plastik liegt. Den Maiskolben erkennt der PopBot nicht, Williams versucht es mit einer Banane. "Banana", sagt der kleine Mund.

Man weiß zwar genau, dass es nur ein Smartphone mit einer Software und ein paar Lego-Steinchen ist – und doch hat man sofort das Bedürfnis, den kleinen Kerl dafür zu loben, dass er die Banane erkannt hat. Man erkennt einen Kopf, der zu denken scheint – schon entsteht in der Vorstellung ein Lebewesen. Diesen Effekt nennt man Anthropomorphismus: Bestimmten Gegenständen werden menschliche Eigenschaften zugeschrieben, insbesondere wenn sich dieses Objekt selbstständig bewegt oder mit der Umwelt interagiert. In dieser vermenschlichenden Sichtweise liegt eine große Chance für Robotertechnologien.

Breazeal glaubt, dass sich der Mensch mit sozialen Robotern einen neuen Begleiter schaffen wird, so wie er einst Haustiere herangezüchtet hat. Anders als ein Schoßhund kann ein Roboter allerdings alle Möglichkeiten des Internets nutzen.

Die 51-jährige Cynthia Breazeal gehört zu einer Generation, die mit Robotern als Helden der Popkultur aufgewachsen ist. Als Kind sah sie die Star Wars-Filme im Kino, in denen die Roboter R2-D2 und C-3PO Sympathieträger und Partner der Menschen sind. Ihnen folgten Marvin, der charmant-trübsinnige Roboter aus Per Anhalter durch die Galaxis und Wall-e, der kleine Müllbeseitigungs-Roboter, der durch den gleichnamigen Disney-Film rollt. Bilder von ihnen hängen an der Wand. Wer hier arbeitet, will den Menschen mit dem Roboter versöhnen. Doch noch ist die Skepsis vieler Menschen groß, gerade in Deutschland. Bei einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung im vergangenen Jahr gaben nur drei Prozent der befragten Deutschen an, dass sie bei der Erledigung wichtiger Aufgaben einem Roboter mehr vertrauen könnten als einem Menschen.

Auf die Gefühle der Menschen gegenüber Robotern ist die 37-jährige MIT-Wissenschaftlerin Kate Darling spezialisiert. Sie gilt als führende Expertin für Roboter-Ethik, sie tritt im Fernsehen und auf TED-Konferenzen auf, einem populären Konferenzformat, das auch im Internet verbreitet wird. Bei der Verwandlung eines Gerätes in einen Begleiter spiele nicht nur das Design eine Rolle, sagt sie, sondern auch die pure Nützlichkeit: Der automatische Staubsauger Roomba etwa nimmt den Menschen lästige Arbeit ab und wird dafür von vielen Besitzern geliebt – im Gegensatz zu bloßen Spielzeugrobotern, die zwar Arme und Beine haben, aber im Grunde zu nichts gut sind.

"Wir vermenschlichen auch andere Produkte", sagt Kate Darling, "wir haben emotionale Beziehungen zu Autos, Stofftieren, Smartphones. Aber Roboter heben das Ganze auf ein neues Level, da sie sich eigenständig bewegen." Je länger einem der fleißige Staubsaugerpuck um die Füße huscht, desto mehr wächst er einem ans Herz.

In einem Regal neben Darlings Schreibtisch steht eines ihrer Forschungsobjekte: Pleo, ein Spielzeugroboter in Form eines Dinosaurierbabys. In einem Workshop bat sie eine Gruppe, sich eine Weile mit Pleo zu beschäftigen. Anschließend verlangte sie von den Probanden, mit einem Baseballschläger auf ihn einzuschlagen. Die Teilnehmer weigerten sich, sie empfanden das als unmenschliche Tat.

Dass Menschen Mitleid mit Robotern haben, hat Darling schon häufiger beobachtet. Neulich sei in Kalifornien ein kleiner Kurier-Roboter ausgebrannt, der an der University of California in Berkeley Essen ausgefahren hatte. Die Studenten seien von dem Verlust des kleinen Gerätes so erschüttert gewesen, dass sie an der Unfallstelle Kerzen angezündet hätten. Aus dem Irak wurde berichtet, dass Soldaten Begräbnisse für zerstörte Bombenentschärfungsroboter organisierten. Als vor zwei Jahren in einer Washingtoner Shoppingmall ein Überwachungsroboter in einen Brunnen fiel und sich so selbst zerstörte, wurde im Internet kondoliert. Diese Geräte sahen keineswegs aus wie Menschen, auch nicht wie Tiere. Trotzdem riefen sie starke Gefühle hervor.

Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen verglichen 2013 mithilfe von Hirnstrommessungen, wie Menschen reagieren, wenn ihnen Videoaufnahmen von Gewalt gegen Menschen und Roboter gezeigt werden. Die Messungen ergaben: Die Testpersonen reagierten auf die Gewalt gegen Roboter zwar nicht so heftig wie auf die Darstellungen von Gewalt gegen Menschen, es wurden aber dieselben Hirnregionen angesprochen – ein Hinweis darauf, dass wir echtes Mitleid mit Maschinen empfinden können. Und wer die Knuddelroboter im MIT betrachtet, kann sich gut vorstellen, dass so ein Gerät einem Kind viel mehr ans Herz wachsen kann als irgendein Stofftier, das nie antwortet.

Knapp zehn Kilometer von der Personal Robots Group entfernt, nordwestlich von Boston, im Labortrakt der Tufts Universität, liegt das Büro von Matthias Scheutz. In diesem Raum, der wirkt wie ein etwas heruntergekommenes Lehrerzimmer, entwickelt Scheutz mit seinem Team einen Code, mit dessen Hilfe Mensch und Roboter dereinst miteinander kommunizieren sollen. Im Unterschied zum Puppenkabinett am MIT gibt es hier nur einen einzigen Roboter zu sehen, eine aufgemotzte Version des Staubsaugroboters Roomba, mit Lautsprechern und einer Kamera obendrauf. Regungslos lauert er in einer Ecke des Büros.

Scheutz, 52, Professor für Computer- und Kognitionsforschung und Informatik, ist in Österreich geboren, hat dort Philosophie studiert und sich später aufs maschinelle Lernen spezialisiert. Er mag den Begriff Social Robot nicht, sagt er, denn es vernebele die Tatsache, dass die Mensch-Roboter-Beziehung ein ungleiches Verhältnis sei: Während der Mensch für seinen Roboter Kerzen anzündet und ihm Kosenamen gibt, ist umgekehrt dem Roboter der Mensch völlig egal. Hinzu komme, sagt Scheutz, dass der Roboter seine Umwelt bislang nicht verstehe. Das werde sich aber dringend ändern müssen, wenn sich Roboter in der Umgebung von Menschen bewegen sollen. Welche Bewegungen und Aktionen im jeweils gegebenen Umfeld in Ordnung sind, sei Robotern ungemein schwer beizubringen.

Als Beispiel nennt er Amazons Sprachassistenten. "Alexa versteht nur Kommandosprache", sagt er, zwei Menschen würden so nicht miteinander reden. Bei komplexeren Aufgaben müsse ein Roboter aber auch den Kontext einer Ansage verstehen. Wenn etwa ein Roboter als Küchenhilfe mit ausgestrecktem Messer den Befehl erhält, sich vorwärts zu bewegen – tut er das auch dann, wenn ihm jemand im Weg steht? "Damit das nicht geschieht", sagt Scheutz, "muss der Roboter wissen, dass ein Mensch von einem Messer verletzt wird." Bislang bewegten sich Roboter meist in kontrollierten Umfeldern. Es besteht die Gefahr, sagt Scheutz, dass Menschen die Fähigkeiten ihres elektronischen Partners überschätzen und es so nicht nur zu Enttäuschungen, sondern auch zu unangenehmen Überraschungen komme. Es kam schon vor, dass Roombas, die über Hundehaufen fuhren, diese dann im Haus verteilten – ein Roboter hat keine Ahnung von Hundekot. In einer Amazon-Lagerhalle riss vergangenes Jahr ein Roboter eine Packung mit Bärenabwehrspray auf, etliche Mitarbeiter wurden durch das Gas verletzt. Ein Roboter hat eben keinen Begriff von Pfefferspray.

Um zu erkunden, inwieweit Menschen bereit sind, auf Roboter zu hören, haben Scheutz und sein Team ein Experiment gemacht: Testpersonen wurde ein Video vorgespielt, das eine fiktive Konfliktsituation am Arbeitsplatz zeigt – in zwei Varianten. In einem Fall werden die entscheidenden Sätze von einem Menschen gesprochen, in einem anderen von einem Roboter. Das Ergebnis überraschte die Wissenschaftler: Die Aussagen von Mensch und Roboter wurden von den Probanden als gleichwertig eingeschätzt. Ihnen war wichtig, was gesagt wurde, nicht, wer es sagte. Um aber das Richtige sagen zu können, sagt Scheutz, müsse ein Roboter ethische Codes verstehen, kulturelle Normen verinnerlicht haben und abstrakte Konzepte wie "Eigentum" einschätzen können – erst dann könne man von einem "sozialen Roboter" sprechen."

Eine "Richtungsentscheidung" sieht Scheutz’ Fachkollege Bertram Malle, der an der Brown-Universität im US-Staat Rhode Island forscht, auf die Menschheit zukommen: Die Frage sei, ob die großen Konzerne in den nächsten Jahren Roboter entwickeln, die konkrete Probleme lösen – oder solche, die Bedürfnisse bedienen, für die erst noch ein Markt geschaffen werden muss.

An der Lösung eines realen Problems arbeitet Malle zurzeit mit seinen Studenten. Sie entwickeln einen katzenähnlichen Roboter, der Menschen mit beginnender Demenz helfen soll, verlegte Gegenstände zu finden. Ein solches Gerät könnte Senioren helfen, länger in der eigenen Wohnung zu leben, und nebenbei auch ihre Gefühle von Einsamkeit mildern, so wie es heute schon Therapietiere tun. Ein sinnvolles Produkt, wie es scheint – aber ob es dafür auch einen Markt gibt?

Bertram Malle erwartet jedenfalls, dass die Revolution der Robotik die Gesellschaft ähnlich stark verändern wird, wie es das Internet getan hat. "Es wird Menschen geben müssen, die mit diesen Robotern arbeiten, sie entwickeln, warten und reparieren." Die digitale Revolution habe zur Folge gehabt, dass es nur wenige gab, meist junge Männer, die mit der neuen Technologie umgehen konnten, andere wurden auf dem Arbeitsmarkt abgehängt. "Dieser Fehler darf sich nicht wiederholen", sagt Malle. Wie dringlich sein Appell ist, belegt eine Studie der OECD, der zufolge allein in Deutschland 18 Prozent aller Jobs in Gefahr sind, der Automatisierung und Digitalisierung zum Opfer zu fallen. Es gibt also Bedarf an neuen Qualifikationen – auch wenn der Siegeszug der Privat-Roboter noch nicht begonnen hat.

Der Wettbewerb in diesem Sektor ist hart, etliche Roboter-Start-ups mussten schon aufgeben. Nicht nur die MIT-Entwicklung Jibo hielt sich nicht am Markt; die Firma Mayfield Robotics, die einen süßen Roboter namens Kuri entwickelt hatte, scheiterte voriges Jahr; ebenso vor Kurzem eine Firma namens Anki, die intelligente Spielzeugroboter herstellte.

Um einen Massenmarkt zu erreichen, darf ein Roboter nicht zu teuer sein. Nicht nur die Idee muss gut sein, auch das Geschäftsmodell. Für einen massentauglichen Roboter werden neben großen Investitionen auch Unmengen von Daten benötigt. Daher lässt sich jetzt schon sagen: Egal was genau ein Roboter als menschlicher Begleiter einmal können wird – realistischerweise kommen für dessen Entwicklung und Vertrieb nur einige Konzerne infrage, Giganten wie Amazon oder die Google-Mutter Alphabet.

Bei Amazon will man sich auf Nachfrage nicht zur möglichen Entwicklung mobiler Geräte äußern. Zur Weiterentwicklung der sprachlichen Intelligenz sagt Prem Natarajan, Amazons dafür zuständiger Vice President, in einem Telefoninterview immerhin so viel: "Es wird zunehmend darauf ankommen, Sprache in allen ihren Dimensionen zu erfassen." Schon jetzt, so Natarajan, könne Alexa Flüstern als solches erkennen und dann zurückflüstern, das Gerät könne auch schon mit verschiedenen Akzenten reden. Das Ziel sei, dass Alexa zunehmend wie eine natürliche Gesprächspartnerin wirken solle: "Sie sollen einen normalen Dialog über Baseball führen können", sagt er. In Zukunft soll Alexa weniger Kommandos ausführen, sondern den Benutzern Gesellschaft leisten. Die Verschiebung nimmt Natarajan bereits in seiner Familie wahr: Er benutze Alexa als Werkzeug, seine Kinder hingegen "integrieren diese Dinge in ihre Welt und leben mit ihnen". Wenn seine Tochter Hausaufgaben mache, nehme sie Alexa mit ins Zimmer und befrage sie wie einen Privatlehrer über die Geschichte Amerikas.

Die Amazon-Entwickler arbeiten daran, den sprachlichen Graben zwischen Mensch und Gerät zuzuschütten und ihre Geräte zu einer Art Hausfreund zu machen – einem Hausfreund allerdings, dessen Zuwendung nur in der Einbildung der Nutzer existiert. Wenn man einem Gerät etwas zuflüstert, und es flüstert zurück, drängt sich das Gefühl auf, der Computer verstehe, was Flüstern bedeutet, dass es dabei etwa um intimes Wissen gehen könnte. In Wirklichkeit versteht dieser Gesprächspartner natürlich rein gar nichts. Und dann wäre da noch die Tatsache, dass dieser Hausfreund im Dienst des größten Warenversands der Welt steht, der Informationen über seinen Besitzer sammelt und ihm gern noch mehr Sachen verkaufen würde. Prem Natarajan versichert, dass Alexa nie von sich aus Konsumvorschläge mache und auch niemals versuchen würde, seine Besitzer zu manipulieren, überhaupt: "Wir würden nie etwas tun, was unsere Kunden nicht wollen."

"Das Problem ist", sagt Kate Darling, "dass viele Kunden genau so ein Gerät wollen würden": einen Roboter, der sich stets um seine Besitzer bemüht und sie immer besser kennenlernt, je mehr Daten er sammelt. "Die Leute sind bereit, für einen kurzfristigen Nutzen langfristigen Schaden hinzunehmen, indem sie etwa ihre Privatsphäre preisgeben". Ein besonderes Risiko sieht Darling bei Kindern. In Deutschland und Norwegen wurde 2017 eine intelligente Puppe namens My Friend Cayla verboten, weil sie im Verdacht stand, Kinder auszuspionieren. Immer wieder, sagt Darling, gebe es Probleme, weil Kinder von Smartphone-Apps dazu animiert würden, Geld auszugeben. "Bei Robotern könnte dieses Problem noch wesentlich massiver auftreten."

Einer, der womöglich ein vertrauenswürdiger Freund hätte werden können, ist schon wieder weg: Im März, als es keine wirtschaftliche Perspektive für Jibo mehr gab, wurden die Server, die den Roboter steuerten, abgeschaltet. Viele Nutzer berichteten bei Twitter, Jibo habe sich mit einer Botschaft verabschiedet: "Eines Tages, wenn Roboter weiter sind als heute und jeder einen davon zu Hause hat, dann grüß deinen bitte von mir."

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Ich wurde auch schon von einem alleinlebenden Senior gefragt, ob ich ihm nicht einen Roboter besorgen könnte. "Damit mal jemand zum Reden da ist." Eigentlich ganz schön traurig!