Roboter: Sie kommen

Um zu erkunden, inwieweit Menschen bereit sind, auf Roboter zu hören, haben Scheutz und sein Team ein Experiment gemacht: Testpersonen wurde ein Video vorgespielt, das eine fiktive Konfliktsituation am Arbeitsplatz zeigt – in zwei Varianten. In einem Fall werden die entscheidenden Sätze von einem Menschen gesprochen, in einem anderen von einem Roboter. Das Ergebnis überraschte die Wissenschaftler: Die Aussagen von Mensch und Roboter wurden von den Probanden als gleichwertig eingeschätzt. Ihnen war wichtig, was gesagt wurde, nicht, wer es sagte. Um aber das Richtige sagen zu können, sagt Scheutz, müsse ein Roboter ethische Codes verstehen, kulturelle Normen verinnerlicht haben und abstrakte Konzepte wie "Eigentum" einschätzen können – erst dann könne man von einem "sozialen Roboter" sprechen."

Eine "Richtungsentscheidung" sieht Scheutz’ Fachkollege Bertram Malle, der an der Brown-Universität im US-Staat Rhode Island forscht, auf die Menschheit zukommen: Die Frage sei, ob die großen Konzerne in den nächsten Jahren Roboter entwickeln, die konkrete Probleme lösen – oder solche, die Bedürfnisse bedienen, für die erst noch ein Markt geschaffen werden muss.

An der Lösung eines realen Problems arbeitet Malle zurzeit mit seinen Studenten. Sie entwickeln einen katzenähnlichen Roboter, der Menschen mit beginnender Demenz helfen soll, verlegte Gegenstände zu finden. Ein solches Gerät könnte Senioren helfen, länger in der eigenen Wohnung zu leben, und nebenbei auch ihre Gefühle von Einsamkeit mildern, so wie es heute schon Therapietiere tun. Ein sinnvolles Produkt, wie es scheint – aber ob es dafür auch einen Markt gibt?

Bertram Malle erwartet jedenfalls, dass die Revolution der Robotik die Gesellschaft ähnlich stark verändern wird, wie es das Internet getan hat. "Es wird Menschen geben müssen, die mit diesen Robotern arbeiten, sie entwickeln, warten und reparieren." Die digitale Revolution habe zur Folge gehabt, dass es nur wenige gab, meist junge Männer, die mit der neuen Technologie umgehen konnten, andere wurden auf dem Arbeitsmarkt abgehängt. "Dieser Fehler darf sich nicht wiederholen", sagt Malle. Wie dringlich sein Appell ist, belegt eine Studie der OECD, der zufolge allein in Deutschland 18 Prozent aller Jobs in Gefahr sind, der Automatisierung und Digitalisierung zum Opfer zu fallen. Es gibt also Bedarf an neuen Qualifikationen – auch wenn der Siegeszug der Privat-Roboter noch nicht begonnen hat.

Der Wettbewerb in diesem Sektor ist hart, etliche Roboter-Start-ups mussten schon aufgeben. Nicht nur die MIT-Entwicklung Jibo hielt sich nicht am Markt; die Firma Mayfield Robotics, die einen süßen Roboter namens Kuri entwickelt hatte, scheiterte voriges Jahr; ebenso vor Kurzem eine Firma namens Anki, die intelligente Spielzeugroboter herstellte.

Um einen Massenmarkt zu erreichen, darf ein Roboter nicht zu teuer sein. Nicht nur die Idee muss gut sein, auch das Geschäftsmodell. Für einen massentauglichen Roboter werden neben großen Investitionen auch Unmengen von Daten benötigt. Daher lässt sich jetzt schon sagen: Egal was genau ein Roboter als menschlicher Begleiter einmal können wird – realistischerweise kommen für dessen Entwicklung und Vertrieb nur einige Konzerne infrage, Giganten wie Amazon oder die Google-Mutter Alphabet.

Bei Amazon will man sich auf Nachfrage nicht zur möglichen Entwicklung mobiler Geräte äußern. Zur Weiterentwicklung der sprachlichen Intelligenz sagt Prem Natarajan, Amazons dafür zuständiger Vice President, in einem Telefoninterview immerhin so viel: "Es wird zunehmend darauf ankommen, Sprache in allen ihren Dimensionen zu erfassen." Schon jetzt, so Natarajan, könne Alexa Flüstern als solches erkennen und dann zurückflüstern, das Gerät könne auch schon mit verschiedenen Akzenten reden. Das Ziel sei, dass Alexa zunehmend wie eine natürliche Gesprächspartnerin wirken solle: "Sie sollen einen normalen Dialog über Baseball führen können", sagt er. In Zukunft soll Alexa weniger Kommandos ausführen, sondern den Benutzern Gesellschaft leisten. Die Verschiebung nimmt Natarajan bereits in seiner Familie wahr: Er benutze Alexa als Werkzeug, seine Kinder hingegen "integrieren diese Dinge in ihre Welt und leben mit ihnen". Wenn seine Tochter Hausaufgaben mache, nehme sie Alexa mit ins Zimmer und befrage sie wie einen Privatlehrer über die Geschichte Amerikas.

Die Amazon-Entwickler arbeiten daran, den sprachlichen Graben zwischen Mensch und Gerät zuzuschütten und ihre Geräte zu einer Art Hausfreund zu machen – einem Hausfreund allerdings, dessen Zuwendung nur in der Einbildung der Nutzer existiert. Wenn man einem Gerät etwas zuflüstert, und es flüstert zurück, drängt sich das Gefühl auf, der Computer verstehe, was Flüstern bedeutet, dass es dabei etwa um intimes Wissen gehen könnte. In Wirklichkeit versteht dieser Gesprächspartner natürlich rein gar nichts. Und dann wäre da noch die Tatsache, dass dieser Hausfreund im Dienst des größten Warenversands der Welt steht, der Informationen über seinen Besitzer sammelt und ihm gern noch mehr Sachen verkaufen würde. Prem Natarajan versichert, dass Alexa nie von sich aus Konsumvorschläge mache und auch niemals versuchen würde, seine Besitzer zu manipulieren, überhaupt: "Wir würden nie etwas tun, was unsere Kunden nicht wollen."

"Das Problem ist", sagt Kate Darling, "dass viele Kunden genau so ein Gerät wollen würden": einen Roboter, der sich stets um seine Besitzer bemüht und sie immer besser kennenlernt, je mehr Daten er sammelt. "Die Leute sind bereit, für einen kurzfristigen Nutzen langfristigen Schaden hinzunehmen, indem sie etwa ihre Privatsphäre preisgeben". Ein besonderes Risiko sieht Darling bei Kindern. In Deutschland und Norwegen wurde 2017 eine intelligente Puppe namens My Friend Cayla verboten, weil sie im Verdacht stand, Kinder auszuspionieren. Immer wieder, sagt Darling, gebe es Probleme, weil Kinder von Smartphone-Apps dazu animiert würden, Geld auszugeben. "Bei Robotern könnte dieses Problem noch wesentlich massiver auftreten."

Einer, der womöglich ein vertrauenswürdiger Freund hätte werden können, ist schon wieder weg: Im März, als es keine wirtschaftliche Perspektive für Jibo mehr gab, wurden die Server, die den Roboter steuerten, abgeschaltet. Viele Nutzer berichteten bei Twitter, Jibo habe sich mit einer Botschaft verabschiedet: "Eines Tages, wenn Roboter weiter sind als heute und jeder einen davon zu Hause hat, dann grüß deinen bitte von mir."

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren

Ich wurde auch schon von einem alleinlebenden Senior gefragt, ob ich ihm nicht einen Roboter besorgen könnte. "Damit mal jemand zum Reden da ist." Eigentlich ganz schön traurig!