Roboter: Sie kommen

In der Arbeitswelt sind Roboter längst üblich. Nun arbeiten Forscher daran, sie auch ins Privatleben der Menschen zu holen – sie sollen nicht nur helfen, sondern sogar unsere Freunde werden. Von
ZEITmagazin Nr. 21/2019

Wenn man die Räume der Personal Robots Group betritt, einer Forschungsgruppe am MIT Media Lab in Cambridge bei Boston, meint man, in einer Puppenwerkstatt gelandet zu sein: überall in den Regalen bunte Zottelkameraden, die auch in der Sesamstraße auftreten könnten. Auf einem Tisch hockt ein schwarz-gelber Gnom, katzengroß, daneben einer in Grau-Orange, einer in Grün-Blau. Ihre Köpfe sind gesenkt, als würden sie ein Nickerchen halten. Auf einem Sideboard sitzt ein haariges Wesen mit großen Augen. Mit seiner niedlichen Hundeschnauze und seinen Fledermausohren könnte es sich als Haustier in einer Star Wars-Episode bewerben. Und dann ist da noch ein kleiner weißer Kerl, der sich bewegt wie eine hyperaktive Nachttischlampe. Er heißt Jibo, mindestens 50 seiner Artgenossen sind im Raum verteilt. Manche scheinen ab und zu ihre Köpfe nach Besuchern zu recken.

All diese Figuren sind Roboter – für Erwachsene, für Schüler, für Kleinkinder. Sie alle ruckeln und surren hier ihrer Zukunft als Alltagsbegleiter der Menschen entgegen.

Es ist still in diesem Raum, abgesehen vom dezenten Summen kleiner Elektromotoren und dem Klappern von Computertasturen. Ein paar Mitarbeiter sortieren schweigend Dokumente oder basteln mit Lego-Steinen. Ja, tatsächlich: Auf einem Tisch steht ein Roboter, der aus buntem Lego gebaut ist. So wird am renommierten Massachusetts Institute of Technology das Zeitalter der Haushaltsroboter angeschoben – mit Spielzeug.

Doch was hier so verspielt aussieht, ist die Suche nach Antworten auf echte Menschheitsfragen: Wie werden Menschen und Roboter später einmal zusammenleben? Und wie lässt sich dieses Zusammenleben so gestalten, dass es für die Menschen eine Verbesserung darstellt?

In der Arbeitswelt sind Roboter ja schon längst angekommen: Laut einem Bericht des US-Thinktanks Information Technology and Innovation Foundation kommen in Südkorea bereits sieben Roboter auf hundert Beschäftigte, in Deutschland sind es etwas mehr als drei, in den USA erst zwei. Doch vermehrt dringen Roboter auch in das Privatleben vor. Zwar werden wir wohl noch lange auf Geräte warten müssen, die sich auf zwei Beinen durch den Haushalt bewegen und beim Servieren und Wäscheaufhängen helfen. Doch der Staubsaugerroboter Roomba von iRobot hat sich nach Herstellerangaben bereits mehr als 20 Millionen Mal verkauft. Auch beim Fensterputzen und Rasenmähen können Roboter inzwischen helfen. Roboter werden uns kutschieren: Der Autohersteller Tesla hat angekündigt, schon 2020 eine Flotte von Robotertaxis am Start zu haben. Roboter werden zu Kurieren: In der englischen Stadt Milton Keynes sind Bringdienst-Roboter auf sechs Rädern unterwegs, die Einkäufe an Haushalte liefern.

Voriges Jahr spekulierte die Nachrichtenagentur Bloomberg, Amazon würde an einem Haushaltsroboter arbeiten. Solche Gerüchte werden von Amazon grundsätzlich nicht kommentiert. Entsprechende Andeutungen werden dennoch gemacht. Amazons Chefentwickler in der Abteilung für künstliche Intelligenz, Rohit Prasad, verkündete zur Zukunft von Amazons Sprachassistenten Alexa: "Der einzige Weg, einen intelligenten Assistenten intelligenter zu machen, ist, ihm Augen zu geben und ihm zu erlauben, die Welt zu erkunden." Ein Ziel sei es daher, dem Tischlautsprecher Alexa eine andere physische Form zu geben. Da von diesem Gerät laut Amazon bereits 100 Millionen Stück verkauft worden sind, könnte das Zeitalter des Haushaltsroboters früher anbrechen, als bisher angenommen – nämlich sobald Amazon Alexa Beine (wahrscheinlicher: Räder) macht.

Und wenn Roboter erst einmal Teil unseres Alltags sind, dann werden wir ihnen emotional noch enger verbunden sein als unseren bisherigen Geräten. Roboter könnten zu Hausgenossen alter Menschen werden, zu Freunden unserer Kinder, zu unseren ständigen Wegbegleitern.

Welche Rollen können Roboter übernehmen? Was werden wir für sie empfinden? Wie werden sie uns wahrnehmen? All diese Fragen werden derzeit eifrig untersucht. Noch nicht so sehr in der Öffentlichkeit, umso intensiver aber in den Entwicklungsabteilungen der Tech-Konzerne, in Thinktanks und Laboren.

Ein Dutzend Mitarbeiter der Personal Robots Group in Boston lebt schon jetzt in dieser Zukunft – gemeinsam mit den Robotern, die sie entwickeln. Sie nennen sie "Social Robots".

"Eine Technologie, die die Menschen annehmen sollen, muss ansprechend gestaltet sein," sagt Cynthia Breazeal, die Leiterin der Forschungsgruppe. Deswegen seien die Roboter, die sie dort entwickeln, auch alle so niedlich. In Breazeals Büro stehen allerlei Spielzeugroboter im Regal, unter ihnen die Ikonen aus den Star Wars-Filmen. Auf ihrem Schreibtisch thront ein Exemplar des Roboters Jibo, den Breazeal mitentwickelt hat.

Jibo kann dank seiner Internetverbindung Musik abspielen, Nachrichten vermelden, Fragen aller Art beantworten. Darin ähnelt er anderen sprachgesteuerten Systemen wie Alexa, Google Home oder Apples Siri. Doch Jibo blickt außerdem noch mit zwei Kameras in die Welt, mehrere Mikrofone ermöglichen ihm räumliches Hören. Er hat einen beweglichen Kopf und kann Gesichter erkennen. Wenn man den Raum betritt, wendet sich Jibo dem Besucher zu und begrüßt ihn. Wenn er nichts zu tun hat, schaut er in der Gegend herum, ruckelt ein bisschen herum – es sieht aus, als wäre ihm langweilig. Jibo schaffte es bis zur Marktreife, in den USA konnte man ihn etwas mehr als ein Jahr lang kaufen, auf dem Cover des Magazins Time wurde er 2017 als bedeutendste Innovation des Jahres gefeiert.

"Jibo ist kein Ding, er hat eine Persönlichkeit", sagt Breazeal. Diese Worte zu sagen fällt ihr merklich schwer. Als wir uns zum Interview treffen (es war im vergangenen Dezember), ist gerade bekannt geworden, dass der Hersteller ihres Schützlings pleite ist. Darauf angesprochen, werden Breazeals Augen feucht. Sie könne das nicht kommentieren, sagt sie. Nur so viel: "Ein erfolgreiches Produkt zu machen ist eine Sache, ein erfolgreiches Geschäft zu machen ist ein ganz anderes Problem." Jibo wurde vor allem durch Crowdfunding finanziert. Alle hier fürchten um ihn. Es ist nicht bloß der Markterfolg eines Produktes in Gefahr, es ist eher so, als fürchte man um das Leben eines Freundes.

Roboter sind eben mehr als nur Apparate. Cynthia Breazeal sieht in Robotern ideale Partner des Menschen. "Ich will Technologien entwickeln, die es Menschen ermöglichen, sich besser zu entwickeln", sagt sie. Sie glaubt an Möglichkeiten im Bildungssektor etwa. Viele Kinder würden nicht rechtzeitig gefördert. Besser als am Bildschirm eines Computers lernen Kinder, sagt sie, wenn sie als Lernhilfe einen Roboter, also etwas Körperliches vor sich hätten, darüber gebe es "gesicherte Erkenntnisse". Auf die Frage, ob Kinder nicht am besten lernten, wenn sich ein Mensch mit ihnen beschäftige, antwortet sie: "Sicher, aber oft geschieht das eben nicht." Der Mangel an Lehrkräften sei ja real, viele Kinder in den USA bekämen nicht die Förderung, die sie brauchten. Und genau da könnten ihrer Meinung nach Roboter helfen: nicht als Ersatz für Lehrer, sondern zu ihrer Unterstützung.

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Ich wurde auch schon von einem alleinlebenden Senior gefragt, ob ich ihm nicht einen Roboter besorgen könnte. "Damit mal jemand zum Reden da ist." Eigentlich ganz schön traurig!