Annalena Schmidt: "Auch ich habe irgendwann wegrennen müssen"

© Sven Döring
Vor ein paar Monaten wurde Annalena Schmidt in Bautzen beschimpft, weil sie in der Stadt eine rechte Hochburg sieht. Nun kandidiert sie im Kommunalwahlkampf für die Grünen. Und macht ganz neue Erfahrungen Von
ZEITmagazin Nr. 22/2019

In Bautzen haben die Grünen ihre Sitze im Stadtrat verdoppeln können. Zukünftig werden sie durch Annalena Schmidt und Claus Gruhl vertreten sein. Der Stimmenanteil der Partei wuchs, nach derzeitigem Stand, von 4,3 auf 6,6 Prozent. In diesem Text begleiten wir Annalena Schmidt durch einen schwierigen Wahlkampf.

An dem Tag, der den Frühling bringt, besucht einer der am meisten gefeierten Politiker des Landes die sächsische Stadt Bautzen. Er war noch nie hier. Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, schaut sich in dem bescheidenen Büro seiner Partei in der Altstadt um, verfolgt von einer Fernsehkamera. Es ist ein kleiner Raum mit lachsfarbenen Wänden, geschmückt mit Naturfotografien.

Gerade mal an die zehn Bautzener Grüne sind an diesem Tag im März gekommen, um ihn zu empfangen, die Partei hat in Bautzen 16 Mitglieder. Habeck will ihren Kampf um den Stadtrat unterstützen, bisher haben die Grünen dort nur einen Sitz. Von jeher ist die Partei im Osten schwach. Bei den letzten Bundestagswahlen holte sie in ganz Ostdeutschland fünf Prozent. Im nahen Dresden haben es die Grünen gerade mal so in den Landtag geschafft. Aber in Bautzen keimt Hoffnung. Hier wäre ein kleiner Sieg möglich, der Symbolkraft hätte. Deshalb ist Habeck da.

Eine junge Frau tritt auf ihn zu. Sie trägt einen schwarzen Blazer, darunter ein rot gestreiftes T-Shirt, ihre Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Von den anderen hier unterscheidet sie sich darin, dass nicht einmal ein Anflug von sächsischem Dialekt in ihrer Stimme zu hören ist. Sie sagt: "Annalena Schmidt." – "Ich weiß", antwortet Habeck, der ihr zuvor nie begegnet ist. "Ich kenne dich aus der Berichterstattung. Viel los!" Er deutet auf die Kamera.

Schmidt, 32, stammt aus einem Dorf in Hessen, nun will sie auf der Liste der Grünen in den Stadtrat. Sie ist kein Parteimitglied, und trotzdem bringt sie die grüne Sache in Bautzen voran wie kein anderer. Sie ist der Grund, warum viele Deutsche neuerdings auf die 40.000-Einwohner-Stadt im Osten Sachsens schauen.

Vor dreieinhalb Jahren zog Annalena Schmidt hierher, um als Historikerin am Sorbischen Institut zu arbeiten, das die Sprache und Kultur der sorbischen Minderheit in der Gegend erforscht. Seitdem twittert und bloggt sie über Bautzen und alles, was hier ihren Überzeugungen zuwiderläuft. Am 12. Dezember 2018 schreibt sie auf Facebook: "Nicht nur die Stimmung ist vergiftet. Diese (kleinen), permanenten Dosen an Rassismus und Feindlichkeit gegenüber allem, was fremd erscheint, macht Menschen kaputt ... Es vergiftet sie! #Sachsen" – Bautzen nennt sie manchmal "Brown Under".

Im Februar wird sie bei einer Diskussionsveranstaltung von einer Bautzener Bürgerin beschimpft, sie solle die Stadt verlassen, das sorgt bundesweit für Aufsehen. Seitdem ist Annalena Schmidt für viele, die Bautzen gar nicht kennen, die junge Frau, die vor dem rechten Sumpf warnt. Robert Habeck sagt an diesem Vormittag, er finde ihren Mut bewundernswert. Anders als Habeck sehen viele Bautzener in Annalena Schmidt eine Zumutung. Eine, die in den Osten kam, um ihre Stadt schlechtzumachen. Am 26. Mai wird gewählt, bis dahin sind es noch zwei Monate.

Was will Annalena Schmidt erreichen? Glaubt sie, dass sie in Bautzen etwas verändern kann? Ist eine Verständigung mit den Bautzener Bürgern überhaupt möglich?

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