Harald Martenstein: Über Wissenschaft und Technik als Quelle der Hoffnung

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 22/2019

Was die Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse betrifft, versprechen sich meiner Erfahrung nach die meisten arbeitenden Menschen in Deutschland mehr von ihrem Steuerberater als von der SPD. Auch ich gehöre zu denen, deren Zukunftshoffnungen, soweit vorhanden, eher von der Wissenschaft genährt werden als von der Politik. Wenn Sie mich fragen, welcher Intellektuelle am meisten für die Menschheit getan hat, lautet meine Antwort: Alexander Fleming, Entdecker des Penicillins. Kürzlich wurde in Israel aus menschlichem Gewebe von einem 3-D-Drucker ein funktionierendes Herz hergestellt. Es war klein, aber das ist ja erst der Anfang. In nicht allzu ferner Zukunft können wir uns also, wenn ein Organ versagt, aus ein paar Zellen ein Ersatzorgan züchten lassen, das wird ausgedruckt, wahrscheinlich in Israel, fertig. Die Organspenderausweise, über die wir in Deutschland so ausführlich diskutieren, können ins Altpapier. Dies würde dann unter anderem bedeuten, dass israelische Wissenschaftler zur Rettung arabischer Menschen mehr bewirkt hätten als sämtliche arabischen Politiker und Angela Merkel zusammengenommen.

Politik wird überbewertet, so könnte man es vielleicht ausdrücken, und wer an der Gegenwart verzweifelt, sollte einfach öfter die Nachrichten im Wissenschaftsteil der Zeitung studieren. Über bahnbrechende Erfindungen aus Deutschland steht da natürlich seit längerer Zeit relativ selten etwas. Wir in Deutschland haben zum Beispiel ein Gerät zur Kontrolle der Lkw-Maut mithilfe von Infrarot erfunden. Ich nehme an, dass sie in Israel längst an einem Gerät forschen, welches die Waren an einen 3-D-Drucker am Zielort beamt und Lkw überflüssig macht.

Natürlich habe ich mit Interesse ein Bild-Interview mit dem Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky gelesen, die Zukunft der Medizin betreffend. Jánszky hat sich einen Chip unter die Haut pflanzen lassen, der angeblich automatisch die Haustür öffnen kann, solche Chips könnten demnächst auch Krankheiten im Frühstadium erkennen. Er hält es sogar für möglich, dass die Neugeborenen von heute unsterblich sein könnten. Sie leben zwar nicht ewig, trotz aller Ersatzorgane, aber um 2100 herum werde es wahrscheinlich möglich sein, das Bewusstsein einer Person im Computer zu speichern, Erinnerungen, Wissen, Denken, alles. Man kann dann allerdings nicht mehr viel machen, als Chip, möglicherweise kann man Game of Thrones schauen oder Rammstein hören. Die Nachfahren werden vielleicht eine Art Schrein haben und können von Zeit zu Zeit für einen kleinen Plausch die Ahnen besuchen, die in Deutschland unermüdlich die Verstaatlichung von BMW fordern oder vor den Folgen der Wissenschaft warnen.

Es kann natürlich auch sein, dass die Computer die Macht an sich reißen, ich sehe das eher positiv. Computer sind ideologiefrei, damit fallen schon mal viele Menschheitsgeißeln weg. Ein bisschen Ethik können sie den Computern rechtzeitig einprogrammieren, mit Gottes Hilfe wird dies gelingen. Die Computer brauchen uns außerdem, höchstwahrscheinlich, für Wartungsarbeiten. Insofern haben sie ein Interesse daran, dass wir keine Dummheiten machen, ein Atomkrieg, die Ökokatastrophe oder eine Hungersnot sind nicht in ihrem Interesse.

Der Gedanke, dass ich weiterlebe, als Erinnerung in den gespeicherten Hirnen meiner Kinder oder sogar des einen oder anderen Lesers, ist mir jedenfalls angenehm. Damit diese Utopie Realität wird, hoffe ich, dass die deutsche Politik sich weiterhin ausgiebig mit der Verstaatlichung von BMW beschäftigt.

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“Rammstein bis zum Fegefeuer”?! (Teasertext) – ach was, Rammstein ist das Fegefeuer! Oder wie sonst soll man die gen Himmel gestreckten Arme der konzertierten armen Seelen interpretieren? Purgatorium ist bekanntlich Körperpflege und Gesundheitsreinigung (Adolf Tegtmeier). Außerdem gibt es ja nicht nur was auf die Ohren, sondern auch auf die Haut, den empfindlichen Temperaturregulator des Körpers. Die rigiden Moraltheologen des Mittelalters hatten dafür ein probates Mittel – schließlich sind sie die Erfinder des Kühlschranks. „Refrigerium animae“, Erfrischung der Seele, nannten sie den Zustand in Abrahams Schoß, wo der arme Lazarus Erbarmen findet. Und wie immer, wenn sich etwas technisch bewährt hat, wird es im Diesseits rechtlich-urkundlich notifiziert, von den Reichen, versteht sich, die nicht gleich in die Hölle der Klimaüberhitzung geraten wollen. Stilles Wasser und Eis in der Familienpackung hatte seinen Preis, Seelgerätstiftungen für die Lebenden und die Toten; denn die Community schloß die schlimmen Sünder aus „Past for the Partys“ ausdrücklich mit ein. Lazarus sei ja auch von den Toten auferweckt worden … halt, halt, das war zwar ein anderer. Doch so genau nimmt man das in der Heilserwartung bis heute nicht. Zu dumm nur, daß jetzt das friedvolle Warten auf das Paradies verwechselt wird mit rechtzeitiger Wartung der technischen Instrumenta. Dafür ist das Bodenpersonal zuständig … Service!

"Politik ist egal, nur die Forschung verbessert das Leben der Menschen. Und Maschinen sind eh klüger als wir. Reicht es da nicht, unser Gehirn auf einem Chip zu speichern?"

Welches Gehirn? Ohh ja diese graue meist inhaltlose Masse... Gibt das nicht eine Mordssauerei wenn die auf einen Chip geschmiert wird - erst einmal Googel befragen ob das überhaupt möglich ist...

wird sich wohl derjenige gefragt haben als er diese Überlegung anstellte:

"Damit diese Utopie Realität wird, hoffe ich, dass die deutsche Politik sich weiterhin ausgiebig mit der Verstaatlichung von BMW beschäftigt"

"Fleming ... ein Intellektueller"?! Sind Sie sicher, lieber Kolumnist, daß hochverdiente Bakteriologen sich ausgerechnet diese leicht anrüchige Kamelle auf die Weste kleben lassen? Allenfalls im Sinne einer "freischwebenden Intelligenz" (K. Mannheim) - denn bei der Entdeckung des Penicillins hat ja wohl die berüchtigte "serendipity", der unbeabsichtigte, also glückliche Zufall, die ausschlaggebende Rolle gespielt. Außerdem war Fleming Freimaurer, somit Mitglied einer humanistischen Bruderschaft, die sich eigentlich unwissenschaftlich betätigte, weil sie in ihren Satzungen Arkandisziplin verlangte - genau das Gegenstück eines offenen und öffentlichen Diskurses unter Intellektuellen.