Mongolei: Chiffon in der Wüste

© Kerry J Dean
Vor vier Jahren reiste Kerry J Dean in die Mongolei, um Ziegenhirten zu fotografieren, die Kaschmir fair produzieren. Dort entdeckte sie ein Phänomen: die Pom-Pom-Mädchen. Von
ZEITmagazin Nr. 22/2019

Beinahe hätte die Fotografin Kerry J Dean niemals die Schönheit des Chiffons in der Wüste entdeckt. Sie hätte nicht all diese Schulkinder Morgen für Morgen vor ihrer Jurte wiedergetroffen. Sie hätte nicht gelernt, dass jede Haarschleife, jede Farbe eine Zugehörigkeit ausdrückt und mit Stolz getragen wird.

Denn eigentlich war sie damals vor vier Jahren in die Mongolei gereist, um Ziegenhirten zu fotografieren, die in der Wüste Gobi, etwa 20 Autostunden von der Hauptstadt Ulan Bator entfernt, Kaschmir herstellen.

Während ihrer Arbeit mit den Hirten blieb Dean in dem kleinen Dorf namens Bayangobi und schlief in einer Jurte, um ganz in die lokale Kultur einzutauchen. Dort entdeckte Dean sie, die "Pom Pom Girls", wie sie sie nannte.

"Das erste Pom-Pom-Mädchen", sagt Dean, "habe ich auf dem Weg zur Schule gesehen, ein Mädchen mit strenger Schuluniform und einem bunten, leichten, fast seidenen Stoff im Haar. Ich habe sie gefragt, ob ich sie fotografieren dürfe. Es war ein wunderbarer glücklicher Zufall."

Aus dem wunderbaren glücklichen Zufall wurde die Serie Pom Poms Girls, ein Teil ihrer Arbeit mit dem Titel Observations and Orchestrations. Drei Jahre lang reiste Dean dafür immer wieder in die mongolische Einöde. Ihre Fotografien zeigen die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Moderne im mongolischen Alltag.

Dabei sind die Pom Poms keine uralte Tradition, sondern ein Relikt aus kommunistischer Zeit, die erst 1990 zu Ende ging. Bis dahin war die damalige Volksrepublik Mongolei ein sozialistischer Staat und enger Verbündeter der Sowjetunion. Der Kommunismus ist vergangen, aber das Ritual ist geblieben – jedes Schulmädchen trägt diesen Haarschmuck, jede Klasse trägt ihre eigenen Farben. Die Gegenwart und den Einfluss der westlichen Welt markieren auf Deans Bildern die Trainingsjacken, die einige der Mädchen über der Schuluniform tragen. Zu festlichen Anlässen binden sich die Mädchen übrigens weiße Pom-Poms ins Haar, rote und blaue am Unabhängigkeitstag – die Farben der Nationalflagge.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren