© Herlinde Koelbl

Reiner Kunze: "Einen weiteren Ansehensverlust der DDR wollte man vermeiden"

Sein Erfolg als Schriftsteller bewahrte ihn vor einer Gefängnisstrafe. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 22/2019

ZEITmagazin: Herr Kunze, in Ihren Gedichten setzen Sie Worte äußerst sparsam ein. Ihr Schreibtisch ist aufgeräumt und leer, Ihre Manuskripte sind in kleiner Schrift geschrieben. Sind Sie ein strenger Mensch?

Reiner Kunze: Dort, wo ich meine, streng sein zu müssen, bin ich es wahrscheinlich auch. Das meiste würde ich aber als konsequent bezeichnen. Das musste ich oft in meinem Leben sein, und ich habe den Kopf dafür hingehalten. Was die Sparsamkeit an Worten betrifft: Es geht darum, die dem poetischen Einfall innewohnende Wahrheit und Schönheit so genau und so vollkommen wie möglich zutage zu fördern, also mit einem Minimum an Mitteln ein Maximum an Wirkung zu erzielen.

ZEITmagazin: Die Schriftstellerin Brigitte Reimann hat über Sie als jungen Mann geschrieben: Sie seien "ein dogmatisch strenger Genosse, kalt und trocken". Sehen Sie sich rückblickend genauso?

Kunze: Die Antwort ist mein Gedicht porträtfoto von sich selbst von vor sechzig jahren: Nicht noch einmal // Nicht noch einmal / so verführbar // Nicht noch einmal / so gefährdet // Nicht noch einmal / eine mögliche gefahr".

ZEITmagazin: Was hat Sie in Ihrem Leben gerettet?

Kunze: Mich hat die Poesie gerettet, immer wieder. Was nicht heißen soll, es habe keiner Retterinnen oder Retter bedurft. Ich möchte drei nennen: meine Mutter, den Grundschullehrer Ullmann und meine Frau Elisabeth. Ich hatte als Kind ein endogenes Ekzem und Asthma bronchiale. Das Ekzem wurde mit einer Teersalbe behandelt, Blut und Eiter sowie die Salbe selbst traten durch die Binden und boten keinen einladenden Anblick. Eltern verboten ihren Kindern, mit mir zu spielen, denn sie meinten, ich hätte die "Krätze", die ansteckend ist. Ich war isoliert und musste oft wochenlang das Bett hüten. Meine Mutter, die in ihrer Jugend in Chören gesungen hatte, pflegte auch bei ihren Hausarbeiten zu singen, und so ergab es sich, dass ich mit einem Schatz an Volksliedern aufwuchs, für den ich noch heute dankbar bin.

ZEITmagazin: Ihr Vater stammte aus einer Bergarbeiterfamilie. Sie sollten eigentlich Schuhmacher werden, dann haben Sie es aber doch geschafft, das Abitur zu machen, und durften studieren.

Kunze: Nach Kriegsende 1945 wollte mich ein sogenannter Junglehrer, er hieß Ullmann (seinen Vornamen habe ich leider vergessen) unbedingt auf die Oberschule schicken, obwohl ich im Fach Rechnen (den Begriff Mathematik kannten wir Grundschüler gar nicht) äußerst unbegabt war. Dem Lehrer hatten es jedoch meine Aufsätze angetan. Aber ich fiel bei der Aufnahmeprüfung im Fach Mathematik durch. Eines Tages erhielten meine Eltern dennoch die Mitteilung, ich sei aufgenommen. Den Grund erfuhr ich später durch einen Zufall: Mein Prüfungsaufsatz (vorgegebener Titel: Die Mühle im Tal) hatte den Sinneswandel der Kommission bewirkt.

ZEITmagazin: 1976 hatte der Prosaband Die wunderbaren Jahre enormen Erfolg im Westen. Dadurch hatten Sie ziemlich viel Ärger in der DDR.

Kunze: Im Politbüro der SED soll man über acht beziehungsweise zwölf Jahre Gefängnis nachgedacht haben. Gerettet hat mich wieder die Poesie, denn meine Bücher waren bereits in mehrere Sprachen übersetzt worden, und einen weiteren internationalen Ansehensverlust der DDR wollte man nach der Biermann-Ausbürgerung vermeiden.

ZEITmagazin: In Ihrem neuen Buch die stunde mit mir selbst befassen Sie sich mit Älterwerden und Vergänglichkeit.

Kunze: Ich würde eher sagen: Älterwerden und Vergänglichkeit befassen sich in meinem neuen Buch mit mir. Ohne zwingenden Einfall kein Gedicht. Anlass und Material liefert die Wirklichkeit. In dem Gedicht das wesen mensch heißt es: "Mit wachsender Entfernung / treiben immer schneller von der erde fort / trilliarden sonnen in milliarden galaxien // Sie fliehen uns, als wüßten sie, / vor wem sie fliehen". Will der Dichter seiner Verantwortung gerecht werden, besteht seine Freiheit einzig darin, das Gedicht zu schreiben.

ZEITmagazin: Es heißt, Sie und Ihre Frau seien ein symbiotisches Paar, und in einem Ihrer Bücher ist ein Gedicht, "Bittgedanke, dir zu Füßen", das lautet: "Stirb früher als ich, um ein weniges / früher // Damit nicht du / den weg zum haus / allein zurückgehn mußt".

Kunze: Elisabeth war fünfzig Jahre lang meine Rettung. Bestimmte Bücher gäbe es ohne sie gar nicht. Aber das ist nicht der Entstehungsgrund für dieses Gedicht. Ich gönnte es jedem, er würde seinem Partner wünschen, dieser möge um ein weniges früher sterben, damit nicht er den Schmerz des Zurückbleibenden ertragen muss.

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