© Johanna Walderdorff

Binge Watching: Verpasst

Jung sein ist so schrecklich und so schön wie sonst nichts. Als Erwachsener kann man immerhin Teenager-Serien schauen. Von
ZEITmagazin Nr. 23/2019

Ein Junge im Rollstuhl wird König, seine Schwester haut von zu Hause ab, während ihr Cousin sein Glück bei einer Hippiekommune jenseits der Zivilisation sucht – am Ende war sogar Game of Thrones nur eine Teenager-Serie. Das liegt daran, dass es kaum fantastischere Geschichten gibt als die von 17-Jährigen, die ihren Platz in der Welt suchen.

Diesen Freitag startet auf Netflix How to Sell Drugs Online (Fast), sechs Folgen, jede nur eine halbe Stunde lang. Die Macher sitzen in Köln, bei der Produktionsfirma bildundtonfabrik, die unter anderem für Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale zuständig ist. Sie schaffen es, die Welt von Teenagern im Jahr 2019 zu zeigen, wie es vor ihnen noch niemand geschafft hat – Textnachrichten flackern über den Bildschirm, so schnell, dass es fast anstrengend wird beim Zuschauen. Aber so muss es sein, denn so ist diese Welt: eine westdeutsche Kleinstadt, in die die 17-jährige Lisa nach einem Jahr in den USA zurückkommt. Lisa ist die erste große Liebe von Moritz, doch sie hat sich verändert, hat das Wilde in sich entdeckt und glaubt, sie müsse es mit der Partydroge MDMA füttern. Also wird aus Moritz, dem 17-jährigen Nerd, Moritz, der Dealer. Mit dem Ziel, durch seine Karriere als Drogenboss Lisa zurückzugewinnen.

How to Sell Drugs Online (Fast) ist die neueste von mehreren Serien über das Leben von Teenagern, die gerade das Interessanteste sind, was Streamingdienste anbieten: In The Society müssen Jugendliche, verlassen von den Erwachsenen, eigene Regeln für ihr Zusammenleben aufstellen; 13 Reasons Why, dessen dritte Staffel noch in diesem Jahr startet, kreist um den Selbstmord der 17-jährigen Hannah Baker und die Frage, welche Schuld ihre Mitschüler an ihrem Tod tragen – und ist zurecht umstritten. Zu brutal, zu erbarmungslos, zu herzzerreißend ist die Darstellung des Teenager-Lebens an den amerikanischen Highschools. Ebenfalls in die dritte Staffel geht Stranger Things, dessen Protagonisten jetzt mit Karacho in der Pubertät angekommen sind. Die Serienmacher haben Teenager als Hauptfiguren gewählt, weil in der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt mehr Horror steckt, mehr Liebe, mehr Verbrechen, mehr Slapstick, mehr Heldentum, mehr Angst und mehr Geheimnis als in allen anderen Seriengenres und in allen anderen Lebensphasen.

Die Teenager wurden von Revolutionären in den Film gebracht, als in Hollywood George Lucas und Steven Spielberg die Macht übernahmen. Lucas’ erste Krieg der Sterne-Filme erzählen tatsächlich nichts als die Geschichte eines Jugendlichen (Luke Skywalker), der gegen die Zustände rebelliert (das galaktische Imperium) und sich mit seinem Vater nicht versteht (Darth Vader). In E.T. von Spielberg sind die einzigen ernst zu nehmenden Figuren jünger als 18 beziehungsweise ein Außerirdischer. Danach drehte John Hughes The Breakfast Club – jenen Film, ohne den die TV-Serie Beverly Hills, 90210 nicht denkbar gewesen wäre. Dann, irgendwann in den Neunzigerjahren, verschwanden die Teenager aus den Serien – vielleicht, weil Ängste verschwunden waren, die zuvor wie ein Schleier auf allem lagen: Angst vor Aids, Angst vor einem Atomkrieg, Angst vor der Zukunft. In den Neunzigern waren diese Ängste verschwunden, doch jetzt gibt es neue Ängste, und möglicherweise erzählen die neuen Teenager-Serien auch davon. In The Society, 13 Reasons Why, Stranger Things, How to Sell Drugs Online (Fast) geht es um Zukunftsangst, um Sehnsucht, um eine Welt ohne Mitleid, um eine dunkle Bedrohung, um die Unmöglichkeit der Liebe. Um alles eben.

Erwachsene schauen sich das an und verspüren Wehmut – sie erinnern sich daran, wer sie waren, wie sie waren, worauf sie hofften und wovor sie Angst hatten. Daran, dass man vielleicht doch niemals zu verliebt sein kann, oder zu traurig oder zu ängstlich. Dass es nie genug ist, nie reicht. Dass damals ein Feuer in einem brannte, von dem heute ein Glimmen übrig ist. Und vielleicht ist das Glimmen besser, weil es einen nicht mehr mit Haut und Haaren verschlingt, sondern nur noch wärmt.

Diese Wehmut entsteht auch wegen der Musik – weil etwa die Lieder, die in der ersten Staffel von 13 Reasons Why auftauchen, mit so viel Liebe ausgewählt sind, dass man vermutet, die Macher der Serie hatten vielleicht zuerst den Soundtrack im Kopf, um dann eine Geschichte dazu zu schreiben. Man hört Joy Division und The Cure, in den Zimmern der Jugendlichen hängen Poster von Arcade Fire. Und wenn sich zwei beim Schulball gegenüberstehen, wenn sie sich in die Augen schauen und sich natürlich nicht küssen, dann singt jemand im Hintergrund: "I had all and then most of you / Some and now none of you / Take me back to the night we met".

Und deshalb sind Serien über Teenager auch immer Serien gegen die Gleichgültigkeit der Welt, gegen den Zynismus der Erwachsenen, gegen das, was man geworden ist. Serien, die einen daran erinnern, wer man werden wollte, als noch alles möglich war.

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Danke für den schönen Text. Nur eine kritische Anmerkungen: wirklich verschwunden sind die Teenager-Serien auch in den 90ern und frühen 2000ern nicht: The Wonder years, my so called Life, dann das großartige Skins... Und auch im Kino ist damals noch ne Menge passiert: Gilbert Grape, The Baseball Diaries... Selbst Deutschland war dabei, z.B. mit Crazy oder Sommersturm.