© Nikita Teryoshin

Ehe: Vier Hochzeiten und eine Kleinanzeige

Ehen halten längst nicht mehr so lange wie früher, und auch Brautkleider sind austauschbar. Das zeigt ein Kunstprojekt des Fotografen Nikita Teryoshin. Er sammelte Fotos, die Frauen ins Internet gestellt haben, um per Anzeige ihr getragenes Kleid zu verkaufen – weil es ihn faszinierte, wie die Bilder verfremdet wurden. Von
ZEITmagazin Nr. 23/2019

Irgendwann im Leben hat man seinen eigenen modischen Stil gefunden, dann kauft man in unterschiedlichen Ausführungen immer wieder weiße Hemden oder dunkelblaue Kleider in A-Linien-Form. Aber bis es so weit ist, probiert man sich aus und häuft Fehlkäufe an. Jeder Kleiderschrank ist voller Projektionen: Die hochhackigen Stiefel, in denen man sich im Geschäft sexy wie Scarlett Johansson gefühlt hat, erweisen sich im Alltag als untragbar. Das durchsichtige Chiffonkleid, das man beim Kauf mit dem Lebensgefühl einer luftigen Villa am Comer See assoziiert hat, eignet sich nicht für die Großstadt. Wer nur ein Drittel von den Sachen, die er im Kleiderschrank hängen hat, regelmäßig trägt, kann stolz darauf sein, wie gut er sich selbst kennt.

Nur einen Bruchteil dessen, was wir an Kleidung kaufen, tragen wir, bis es kaputt ist. "Auftragen" hat man das früher genannt, als noch Lederflecken auf die Ellbogen von Pullovern genäht wurden und der durchgescheuerte Kragen eines Oberhemds gewendet wurde. Heute wird Kleidung massenweise produziert und ist billig zu haben, also wird sie ebenso leichtherzig gekauft wie entsorgt.

Ein Hochzeitskleid entzieht sich diesem Kreislauf, hier wird es kompliziert. Bei den Pariser Modeschauen sind Brautkleider traditionell der Höhepunkt eines Defilees, sie werden ganz zum Schluss vorgeführt – als Sinnbild für besonderen Aufwand und kostbare Materialien. Aktuell im Trend liegen etwa die Meerjungfrau-Form, hohe Beinschlitze, bestickte Badeanzüge mit Schleier, dramatische Ärmel und mit Glitzersteinchen besetzte Kappen. Hochzeitsmode läuft außer Konkurrenz, sie ist Stoff für Kleine-Mädchen-Träume.

Hochzeitskleider unterscheiden sich zwangsläufig von all dem anderen Ramsch im Schrank: Man strengt sich beim Aussuchen mehr an und gibt für sie mehr Geld aus als gewöhnlich. Sucht Ideen in Magazinen und Kollektionen, lässt sich von Ikonen inspirieren. Marilyn Monroe beispielsweise trug bei ihrer zweiten Hochzeit ein schwarzes Kostüm, Yoko Ono ein Minikleid mit Kniestrümpfen. Audrey Hepburn ging hochgeschlossen, Bianca Jagger im weißen Smoking-Blazer ohne was drunter. Angelina Jolie ließ ihren Brautschleier mit Kritzeleien ihrer sechs Kinder bedrucken.

Mehr als jedes andere Kleidungsstück steht ein Hochzeitskleid für Selbstinszenierung und Exzess. Starke Erinnerungen sind darin verwoben und die Hoffnung, dass die Ehe gelingt. Was also tun mit dem Kleid, wenn die Party vorbei und die Ehe Alltag ist? Ein Brautkleid ist nichts, was man verschenkt oder verschleudert. Bislang wurde es meist eingemottet. Als Maskottchen für einen Schritt, mit dem große Hoffnungen verbunden sind. In manchen Familien wird es weitergegeben an Töchter oder Nichten, oft landet es in Faschingstruhen als Material zum Verkleiden. Manchmal gelingt es, Kleider, die nicht zu offensichtlich als Brautkleid angelegt sind, bei anderen Gelegenheiten zu tragen. Aber das fühlt sich seltsam an, denn das Kleid trägt den Hochzeitstag in sich fort. Oder man färbt das Kleid in einer dunklen Farbe ein. Auch das ist eine Täuschung, denn egal ob dunkelblau oder schwarz, es bleibt ein Brautkleid.

Neuerdings entscheiden sich immer mehr Frauen dafür, ihr Brautkleid im Anschluss an die Hochzeit online zu verkaufen. Früher, als man Gebrauchtes noch in der Lokalzeitung inserierte, wusste gleich das ganze Dorf Bescheid. Heute bietet das Internet jenen anonymen Schutzraum, in dem sich Persönliches und Intimes diskret abwickeln lassen. Zudem sind Ehen beliebiger geworden und halten nicht mehr so lange. Sie werden oft mehrfach geschlossen, entsprechend mehr gebrauchte Outfits sind im Umlauf. Das große Wort "Bis dass der Tod euch scheidet" gilt längst nicht mehr für Mann und Frau und, logisch, auch nicht für das Kleid. Brautkleider sind austauschbare Produkte geworden, Massenware.

Wenn eine Ehe scheitert und sich daraus ein Rosenkrieg entwickelt, entpuppt sich ein Brautkleid als schlimmster Fehlkauf aller Zeiten. Dann hilft wahrscheinlich nur, es in den Müll zu stopfen. Oder zumindest Geld damit zu machen. Der Fotograf Nikita Teryoshin hat vier Jahre lang Bilder von online zum Kauf angebotenen Brautkleidern gesammelt, wir zeigen eine Auswahl davon auf diesen Seiten. Teryoshin – er ist 32 Jahre alt, stammt aus Russland und lebt in Berlin – stöberte auf Verkaufsplattformen im Internet nach Anzeigen für getragene Brautkleider. Manche stellen Bilder ins Netz, ohne sie vorher zu anonymisieren, doch Teryoshin interessierten nur Anzeigen, bei denen die Anbieterinnen ihre Gesichter auf den Hochzeitsfotos unkenntlich gemacht hatten. Eine Frau beispielsweise hatte ihr Gesicht im Blau der Kirchenkuppeln übermalt, vor denen sie im Brautkleid posiert, eine andere hatte den Farbton ihres Kleides gewählt. Viele Köpfe auf den Fotos wurden mit einem brutalen Schnitt vom Leib getrennt, andere sind sanft verwirbelt oder mit einem Balken vorm Gesicht unkenntlich gemacht worden. Teryoshin nennt die Serie The best day of my life – eine Anspielung auf den Gegensatz zwischen dem klassischen Hochzeitsfoto-Pathos und der absurden Verfremdung. "Traditionell gilt der Hochzeitstag als schönster Tag im Leben, und dann verunstalten sich die Leute auf den Bildern zu kopflosen Monstern", sagt er. Das Erstaunliche an den Bildern ist die Unsentimentalität, mit der Frauen ihre Gesichter digital beseitigen und ihr Brautkleid verhökern. Bloß weg damit.

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