Harald Martenstein: Harald Martenstein

Über ein umstrittenes Bauvorhaben und Berlin als Welthauptstadt der Langsamkeit Von
ZEITmagazin Nr. 23/2019

Ich wohne nicht weit vom Hermannplatz, das ist der hässlichste Platz von Berlin. Am Hermannplatz steht ein Karstadt, welcher ebenfalls hässlich ist. Da lasse ich mir regelmäßig bei Mister Minit Ersatzschlüssel machen. Das Original-Kaufhaus wurde 1929 errichtet, im Art-déco-Stil, mit "Licht-Türmen", deren Daseinszweck darin bestand, schön zu sein, und mit 4000 Quadratmeter Dachterrasse. In den Fünfzigerjahren haben sie den Bau verhunzt.

Ein Konzern, der Karstadt gekauft hat, will die Originalfassade wiederherstellen. Mit Terrasse. Nur in einen Teil des Gebäudes soll das Kaufhaus einziehen, die neuen Besitzer planen auch eine Markthalle und eine Bibliothek. Den Platz wollen sie im Öko-Stil herrichten, sogar über neue Wohnungen lassen sie mit sich reden. Das alles soll 450 Millionen kosten, der Architekt ist vielfach preisgekrönt, Bauzeit fünf Jahre. Aber wir sind in Berlin. Der Baustadtrat ist von den Grünen und Antikapitalist.

Als die Pläne vorgestellt wurden, fragte der Stadtrat, was der Neubau dem Umfeld bringt. Eine legitime Frage, möchte man meinen. Aber man muss dieses Umfeld gesehen haben. Selbst ein Flächenbombardement würde es aufwerten. Dann sagte der Stadtrat, das umliegende Gewerbe müsse geschützt werden, wir reden hier von Döner- und Currybuden, billigen Hotels und Ladenketten des Niedrigpreissektors. Abriss und Neubau seien ökologisch problematisch. Da leben nur Ratten, auf diesem Platz. Ratten könnte man leicht umsiedeln.

Wer "Kreuzberg Investoren" googelt, stößt auf nicht wenige Neubauprojekte, sowohl Wohnungen als auch neue Firmen, die erfolgreich verhindert wurden, darunter der "Google Campus". Oder auch vertrieben. Einer Gastronomin wurden die Scheiben zerschlagen, sie hat aufgegeben, wahrscheinlich eine kluge Entscheidung. Der Tagesspiegel fasst das Investorenklima so zusammen: "Drohungen, Vandalismus und Gewalt – Unternehmen in der Hauptstadt sind heftigen Anfeindungen ausgesetzt."

Die Berliner Antikapitalisten werden also auch diesen Neubau verhindern, wetten? Sie wollen den Kapitalisten ihr Geld wegnehmen, wer träumte nicht manchmal davon? Aber wenn sie das Geld dann haben, kriegen sie nichts auf die Reihe, gebaut wird wenig. Sie sind in Berlin gegen alles Neue, aber gegen alles Alte sind sie irgendwie auch. Ich würde diese Menschen gerne verstehen.

Kürzlich erzählte ein Freund aus dem Osten, dass er mit seinen Kindern ein Kulturereignis besucht habe, Unter den Linden. Unter den Linden besteht seit 30 Jahren vor allem aus Baugruben, Baken und Absperrungen. "In der DDR haben wir da flaniert", sagte der Freund. "Das kann man sich kaum mehr vorstellen." Zu den Kindern habe er gesagt, dass diese Straße fertig sein werde, wenn sie einmal selbst Familien hätten. Für seine eigene Lebensspanne rechnet er nicht mehr damit.

Die DDR baute ja, wenn sie mal baute, ziemlich flott. Die Abneigung gegen Investoren aus dem Westen war in der DDR deutlich weniger ausgeprägt als heute. Berlin ist jetzt Welthauptstadt der Langsamkeit, the Big Turtle. Das gilt aber nur für staatliche Projekte. Private Gebäude entstehen relativ schnell, wenn die Kapitalisten erst mal loslegen dürfen. Wahrscheinlich, weil Kapitalisten aufs Geld schauen.

Ich will Schönheit, ich bin gegen das Hässliche, ist das Populismus, Dekadenz oder hypersensibel? Vielleicht wäre es das Klügste, Berlin zu renaturieren. In dem Zombiefilm I Am Legend lebt Will Smith in einem verfallenden Manhattan, in dem Rehe grasen und Wälder wogen. Es sieht schön aus, und vielleicht erlauben sie wenigstens das.

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