Harald Martenstein: Über eine Frau, die in Frankfurt, Mainz und Wiesbaden geliebt wird

Zwischen Frankfurt, Mainz und Wiesbaden herrscht Rivalität. Aber es gibt eine Frau, die wird in jeder Stadt geliebt. Von
Aus der Serie: Martenstein

Vor Jahren hatte ich in meiner Eigenschaft als Mainzer die Aufgabe, gemeinsam mit der Urmainzer Fastnachtssängerin Margit Sponheimer und anderen Künstlern in Ostdeutschland für die hessisch-rheinhessische Lebensart zu werben. Das Mainzer Kabarettarchiv hat seit der Wende eine Dependance in Bernburg an der Saale, das liegt in Sachsen-Anhalt. In Bernburg wird das Erbe des DDR-Kabaretts verwaltet. Es gab dort ein Volksfest auf dem Hauptplatz der Altstadt, den Anlass des Festes habe ich vergessen. Das Publikum war an neuen kulturellen Erfahrungen allerdings nur mäßig interessiert, die Leute waren wohl vor allem wegen der Bratwürste und des üppigen Getränkeangebots gekommen. Außerdem regnete es.

Als ich die Bühne betrat, standen vor der Bühne etwa dreißig Personen, die sich unter ihren Schirmen unterhielten und Bratwürste aßen. Ich hatte aus meinem Lebenswerk diejenigen Texte ausgewählt, deren Pointenniveau ich für am ehesten volksfesttauglich hielt, alle differenzierenden oder reflektierenden Passagen hatte ich gestrichen. Ich kenne Volksfeste. Einige Pointen, die mir mein Redakteur aus geschmacklichen Gründen ausgeredet hatte, waren dagegen von mir in die Texte wieder hineingeschrieben worden. Nach zehn Minuten bestand das Publikum nur noch aus fünf Personen, offenbar den Ordnern, die für ihr Hiersein bezahlt wurden.

Nach mir trat Margit Sponheimer auf. Sie war schon um die siebzig und ging an Krücken, ihre Beine wollten nicht so recht. Als sie die Bühne betreten hatte, warf sie die Krücken fort, stimmte einen ihrer Superhits an, vielleicht Gell, du hast mich gelle gern, und begann ekstatisch zu tanzen. Nach etwa drei Minuten füllte sich der Platz in hohem Tempo. In den umliegenden Häusern öffneten sich Türen, ganze Familien strömten herbei, die offenbar spontan vom Abendbrottisch aufgestanden waren, um sich dies nicht entgehen zu lassen. Die deutsche Einheit erlebte einen ihrer nicht allzu häufigen glückhaften Momente vollkommener Harmonie. Nach dem Auftritt bat ich Margit Sponheimer um ein Autogramm. Es war keineswegs niveaulos, was sie da machte, es war Volkskunst, das ist was anderes. Unkompliziert muss es schon sein, aber blöd muss es nicht sein. Ich wollte mich anbiedern, sie war einfach nur sie selbst. Außerdem kenne ich sie, seit ich ein Kind bin, aus dem Fernsehen. Sie hat sehr früh angefangen und macht immer weiter.

Margit Sponheimer ist in Wirklichkeit Frankfurterin, also dort geboren. Als sie acht war, zog ihre Familie nach Mainz. Zwischen den großen Städten im Rhein-Main-Gebiet, Frankfurt, Mainz und Wiesbaden, herrscht Rivalität. Aber das Margitsche lieben alle. Die Frankfurter haben sie 2010 sogar zur Präsidentin ihrer Fernsehsitzung ernannt, als erste Frau. Chefinnen sind bei der Fastnacht immer noch eine Sensation.

Die Frankfurterin Sponheimer ist also die Königin von Mainz. Und der König der Frankfurter Spaßvögel hieß jahrzehntelang Heinz Schenk und spielte den Wirt in der Fernsehsendung Zum blauen Bock. Geboren wurde Heinz Schenk allerdings in Mainz, und gestorben ist er 2014 in Wiesbaden. Man kann also sagen, die Fastnacht ist eine Mischkultur mit fluiden Identitäten. Sie besitzt, anders als ihre Kritiker behaupten, ein großes Versöhnungspotenzial und kann die tiefsten Gräben überwinden. Falls Margit Sponheimer in Sachsen-Anhalt kandidiert, mit Plakaten, auf denen "Gell, ihr habt mich gelle gern" steht, dann wird sie gewählt, egal zu was. Und falls sie mal in Rom singt, wird sie anschließend Päpstin.

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Wie um alles in der großen weiten Welt hat es Herrn Martenstein nach Bernburg verschlagen? Als an neuen Erfahrungen reicher Bürger müsste er doch wissen, dass man sich dem kulturell unterkomplexen Verhalten von Mitmenschen durch Nichthingehen entziehen kann. So halte ich es, seit ich vor 20 Jahren von der ostdeutschen Provinz nach Frankfurt/Main gezogen bin und ich kann bestätigen: es funktioniert selbst in einer Großstadt. Aber vielleicht ging es nicht um Wahrnehmung persönlicher Freiheiten. Hin und wieder geht es ja einfach um das Zeigen guten Willens. Oder um – wie soll man das nennen? – eine Art Resilienztraining im Kontext eines mehr oder weniger leise vor sich hin distinguierenden Zeitgeistes. In dem Fall - Ostdeutschland hin, Volksfeste her - ist aber bestimmt noch Luft nach oben.