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Helmut und Erwin Kremers: "Wir fuhren den Porsche zu zweit und teilten uns einen Führerschein"

ZEITmagazin Nr. 23/2019
Helmut und Erwin Kremers wurden gleichzeitig geboren, wurden gleichzeitig Profifußballer und gleichzeitig Nationalspieler. Ein Gespräch über die Verbindung, die es nur zwischen Zwillingen gibt. Und über die Unterschiede, auf die beide bestehen Von und

Ein stattliches Einfamilienhaus, ganz in der Nähe von Wuppertal. Der 70-jährige Erwin Kremers öffnet die Haustür, sein Zwillingsbruder Helmut wartet im Hintergrund. Erwin Kremers wohnt hier mit seiner Frau. Er und sein Bruder wurden in den Siebzigerjahren zu Stars des deutschen Fußballs. Es gab sie immer nur zu zweit. Sie spielten gemeinsam für Borussia Mönchengladbach, Kickers Offenbach und vor allem für Schalke 04. Mit Spielern wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Günter Netzer gehörte Erwin Kremers zur Jahrhundertelf, die 1972 Europameister wurde. Aber kein Weggefährte ist ihm jemals so nahe gewesen wie sein Bruder Helmut, der mit seiner Frau in Bottrop lebt. 1974 wurde Helmut Kremers mit der Nationalmannschaft Weltmeister im eigenen Land. Keine Frage, dass die beiden das Interview zusammen führen wollen. Erwin Kremers bittet die Reporter, sich an den Tisch im Wohnzimmer zu setzen.

Erwin Kremers: Möchten Sie einen Kaffee trinken?

ZEITmagazin: Ja, gern.

Erwin Kremers schaut etwas verdutzt und geht in die Küche.

Helmut Kremers: Mein Bruder hat überhaupt keine Ahnung vom Kaffeekochen. Er weiß gar nicht, wie das geht. Er hat noch so eine ganz alte Maschine, und selbst die überfordert ihn.

Erwin: Ich trainiere noch.

Helmut: Ich habe ihm empfohlen, sich eine moderne Kaffeemaschine zu kaufen, eine mit Kapseln, wie ich sie habe. Aber damit wäre er total aufgeschmissen.

Erwin Kremers wirft die Kaffeemaschine an. Mit gefüllten Tassen kehrt er nach einigen Minuten zurück.

ZEITmagazin: Sie wurden 1949 in Mönchengladbach geboren. Was ist Ihre erste Erinnerung aneinander?

Erwin: Wir konnten früh laufen, schon mit neun Monaten.

ZEITmagazin: Da war offenbar klar, was aus Ihnen werden sollte.

Erwin: Wir waren schon damals schnell auf den Beinen.

ZEITmagazin: Und wer von Ihnen war schneller?

Erwin: Das weiß ich nicht. Unsere Mutter war schon 42 Jahre alt, als wir zur Welt kamen. Aus Erzählungen weiß ich, dass sie vom siebten Monat ihrer Schwangerschaft an nicht mehr stehen konnte. Meist kniete sie. Und dann zwei hyperaktive Söhne zu bekommen war nicht schön für sie. Wir waren sehr anstrengend.

ZEITmagazin: Haben Sie Geschwister?

Erwin: Ja, einen neun Jahre älteren Bruder, der mit 58 starb, und einen weiteren Bruder, der schon starb, als er zwei Jahre alt war. Und wir sollten der Ersatz sein, da hatten sich unsere Eltern verrechnet.

ZEITmagazin: Haben Sie sich von Beginn an gut verstanden?

Erwin: Sensationell gut. Aber damals war es so, dass man immer gleich angezogen wurde. Wildfremde Leute auf der Straße wurden auf uns aufmerksam und kamen immer mit ihren blöden Fragen an: Ihr seid wohl Zwillinge? Wer ist wer? Bist du der Erwin, und du bist der Helmut? Diese Spielchen habe ich gehasst. Unmöglich, das Ganze. Es hat mich wirklich belastet. Man braucht eine eigene Identität, sonst wird das Leben sehr schwierig. Ich habe über die Kessler-Zwillinge gelesen, dass sie sogar zusammenwohnen. Das hätte ich mir nie vorstellen können.

ZEITmagazin: Warum nicht?

Erwin: Es muss für jeden ein eigenständiges Leben geben, gerade nach dieser gemeinsamen Kindheit. Helmut und ich brauchten doch nie einen Freund, nie einen Spielkameraden. Wir haben uns auch fußballmäßig gegenseitig hochgepuscht, aber ohne bittere Zweikämpfe.

ZEITmagazin: Haben Sie nicht manchmal gedacht: Hätte ich doch bloß eine Schwester?

Erwin: Nee, das sicher nicht.

Helmut: Wirklich nicht.

Erwin: Auf so eine Idee wäre ich nie gekommen. Wir hatten doch uns. Wir haben uns gegenseitig erzogen.

ZEITmagazin: Waren Sie jemals auf einer dieser Veranstaltungen, die sich an Zwillinge richten?

Erwin: Nein, nie.

Helmut: Als wir im März dieses Jahres 70 wurden, habe ich einen großen Wunsch geäußert: Wir würden gern mit den Kessler-Zwillingen in der Fernsehshow Let’s Dance auftreten. Das wäre mein letzter Wunsch.

ZEITmagazin: Der Wunsch ist noch nicht in Erfüllung gegangen.

Erwin: Noch nicht. Wir können zwar nicht tanzen, aber die Kessler-Zwillinge tanzen wir platt.

ZEITmagazin: Gab es auch auf dem Fußballplatz ein blindes Verständnis füreinander?

Helmut: Auch jetzt noch. Wenn wir uns hier unterhalten, weiß ich genau, was Erwin gleich sagen wird. Und umgekehrt weiß er das auch.

ZEITmagazin: Sie können also von Ihrem Bruder nie überrascht werden?

Erwin: Na ja. Der haut manchmal Dinge raus, da kippt man aus den Latschen. Aber richtig groß werde ich von ihm nicht überrascht. Und wenn er sechs Richtige im Lotto hätte, würde ich mich wahnsinnig für ihn freuen. Da käme auch nie Neid auf. So was gibt es bei uns nicht. Ich habe auch manchmal eine Eingebung, die mir sagt, dass ich mich bei ihm melden soll.

ZEITmagazin: Was meinen Sie mit "Eingebung"?

Erwin: Wenn es ihm nicht gut geht, spüre ich das irgendwie. Neulich musste er ins Krankenhaus, und ich merkte schon vorher, dass bei ihm was nicht stimmte.

Helmut: Dabei hatte ich niemandem etwas vom Krankenhaus gesagt, auch Erwin nicht.

Erwin: Ich wusste aber, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung war. Für einen Außenstehenden ist es ganz schwer, das zu begreifen.

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