© Susanne Jahrreiss / Michael Wolffsohn/dpa

Michael Wolffsohn: "Ein Rabbi ist mehr als ein Drei-Tage-Jude"

Als junger Mann wollte Michael Wolffsohn Rabbiner werden. Dann ging er zum Militär. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 23/2019

ZEITmagazin: Herr Wolffsohn, Sie sind in Tel Aviv geboren und waren sieben Jahre alt, als Ihre Eltern mit Ihnen nach Deutschland zurückkehrten. Hat Tel Aviv Sie geprägt?

Michael Wolffsohn: Ich habe von Anfang an in einem doppelten Kulturraum gelebt. Meine Muttersprache war Deutsch, weil meine Eltern und Großeltern Hebräisch allenfalls radebrechen konnten.

ZEITmagazin: Ihre Eltern und Großeltern waren 1939 aus Deutschland nach Palästina geflohen. Ihr Großvater Karl Wolffsohn, ein Kinobetreiber und Immobilienbesitzer, ging bereits 1949 wieder mit seiner Frau nach Berlin.

Wolffsohn: Als ich 1953 in Tel Aviv eingeschult wurde, schenkten mir meine Großeltern einen deutschen Leder-Schulranzen. So was gab es in Israel nicht. Stolz ging ich damit zur Schule, aber meine Schulkameraden malträtierten ihn übel. Ich gehörte dazu, und ich gehörte eben nicht dazu. Der Mensch ist ein territorial bestimmtes Wesen. Was von außen kommt, erweckt Misstrauen.

ZEITmagazin: Was machte Ihr Großvater in Berlin?

Wolffsohn: Er reklamierte sein Eigentum, vor allem die Gartenstadt Atlantic, auch die Varietébühnen Scala und Plaza, deren Mitbesitzer er gewesen war. Er wollte sich nicht damit zufriedengeben, dass die Räuber nachträglich triumphieren. Mein Vater folgte ihm, um zu helfen. So wurde ich Berliner. Lange vor J. F. Kennedy.

ZEITmagazin: Als junger Mann reisten Sie in die USA – was Folgen hatte.

Wolffsohn: Kurz nach dem Abitur ging ich 1966 für drei Monate in die USA, wo ich das Reformjudentum kennenlernte, eine Synthese aus Jüdischem und Weltbürgertum. Ich hatte gerade angefangen, Volkswirtschaft zu studieren, aber jetzt merkte ich, dass es wichtigere Fragen gab als Wohlstand. Da wollte ich Reformrabbiner werden.

ZEITmagazin: Also ein liberaler Rabbiner. Was genau hat Sie daran fasziniert?

Wolffsohn: Die ständige Beschäftigung mit Seins-, Seelen- und Sinnfragen, mit Mensch und Kosmos, auch mit Geschichte und Politik. Ein Rabbi, der seinen Beruf ernst nimmt, ist mehr als ein Drei-Tage-Jude, also einer, der nur an den drei hohen jüdischen Feiertagen in die Synagoge geht. Da ein Rabbiner, der keine intakten Verbindungen zum jüdischen Staat hat, undenkbar ist, musste ich in den sauren Apfel beißen: Militärdienst in Israel.

ZEITmagazin: Um Rabbiner zu werden, mussten Sie zum Militär?

Wolffsohn: Ja, nur so konnte ich glaubwürdig sein, vor anderen und vor mir selbst. Der israelische Staat ist für jeden Juden die letztgültige Lebensversicherung. Du musst in jede Versicherung einzahlen.

ZEITmagazin: Also meldeten Sie sich zum Dienst?

Wolffsohn: Im Juni 1967 kämpfte Israel im Sechstagekrieg gegen seine arabischen Nachbarn, und fast die ganze Welt erwartete, dass ein zweiter Holocaust stattfinden werde. Da war mir noch klarer: Du musst! Im September 1967 ging ich dann nach Israel, und zwei Monate später wurde ich eingezogen. Während der Grundausbildung kam ich mir so tollpatschig vor wie der brave Soldat Schwejk. Ich war einer der ersten Besatzer in Ramallah. Und da kam es zu einem Wendepunkt.

ZEITmagazin: Was erlebten Sie in Ramallah?

Wolffsohn: Im Oktober hatte ich einen Vortrag des Universalgelehrten Jeschajahu Leibowitz gehört. Er schimpfte über die israelische Politik: Wir müssten uns schnellstens aus den eroberten Gebieten zurückziehen, jede Besatzung führe zu Brutalität in der besetzenden Gesellschaft. Er wurde niedergebrüllt: "Das wird uns nicht passieren, wir sind humane Besatzer!" Ich verstand die Brüller und missbilligte zugleich ihr Brüllen. Leibowitz war ein tiefgründiger Kopf. Was er gesagt hatte, trug ich sozusagen in mir, als wir jungen Soldaten wenig später provokativ durch Ramallah marschierten und heldische Lieder sangen. Ich sah verängstigte Gesichter. Wir hielten uns für Befreier, aber als ich jene Palästinenser sah, wusste ich: Das trifft die Sache nicht. Ein paar Monate später hatte ich das vermeintliche Privileg, zum 20. Unabhängigkeitstag Israels die im Sechstagekrieg erbeuteten Waffen auf einer Großparade vorzuführen. Da sah ich strahlende Gesichter. Die Begeisterung galt nicht mir, sondern meiner Uniform. Ich musste sofort an den Hauptmann von Köpenick denken. Ich schaute auf mich wie von außen: Ich saß im erbeuteten Lada-Jeep – schießen konnte ich noch nie richtig – und wurde bewundert. Das fand ich so absurd.

ZEITmagazin: Was folgte für Sie daraus?

Wolffsohn: Die Leute in Ramallah haben in mir einen potenziellen Palästinenserkiller gesehen, der ich nicht bin, und für die Israelis war ich ein Kriegsheld, was genauso wenig stimmte. Aus beiden Erfahrungen ging für mich hervor: Ich werde nicht Rabbiner. 1970 kehrte ich nach Deutschland zurück. Nicht aus Illoyalität gegenüber Israel, sondern weil ich mich in Deutschland ganz einfach heimisch fühle.

ZEITmagazin: Was genau zog Sie an?

Wolffsohn: Ich bin im postnationalen West-Berlin als bewusster Deutscher, Jude und Halb-Israeli aufgewachsen. Wenn du einmal das süße Gift des Weltoffenen gespürt hast, ist das wie eine Droge.

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Als Michael Wolffsohn noch Historiker in München war, hörte man von ihm öfter Aussagen, die darauf schließen ließen, dass er weder mit sich (also seiner persönlichen vielfältigen Identität) als auch mit Deutschland (und dessen vielfältiger Identität) und nicht einmal mit Israel (und dessen auch noch nicht ganz geklärter Identität, die bis tief in die Transzendenz reicht) im Reinen war. Ich verstieg mich sogar in einem Leserbrief an die SZ zu dem Wortspiel, dass der Historiker vielleicht doch nur ein Hysteriker sei, das dann aber nur gekürzt (er sei ein Hysteriker) abgedruckt wurde.

Seit Michael Wolffsohn (wieder) in Berlin ist und weg von dem ehemals wunderbaren Barockland Bayern, und von der Lederhosenstadt München*, dieser Plastikblume ohne Saft und ohne inneres Leben, schlägt er nicht mehr "diese Töne" an, sondern sagt "Lasst uns andere anstimmen und freudenvollere".

Bei mir persönlich hat übrigens der jüdische Weise Weinreb sehr zur Identitätsfindung in den o.g. Bereichen beigetragen: "Jude ist, wer Gott lobt":

*Als mein Meister Maharishi 1975 in München eine Rede hielt, machte er eine erstaunliche Aussage, die er in anderen deutschen Städten nicht machte: Entweder werde es auf München "Soma" regnen ( ="Heiliger Geist" oder "Nektar und Ambrosia") - oder es werde Bomben regnen. Prophezeiungen einiger bayrischer Seher deuten eher auf das zweite hin, schließlich ist Bayern das Land der Göttin (Kali?) und das Land, aus dem der Teufel kam, der viele Jobs (Hiobe) erzeugte.