Sarah Connor: "Mein großer Traum, Michael Jackson zu begegnen, ist tatsächlich wahr geworden"

© Schall & Schnabel
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 23/2019

Früher dachte ich, dass Michael Jackson der Mann ist, den ich später heiraten werde. Die Wände in meinem Kinderzimmer waren voll mit Postern von ihm. Als Teenager habe ich mich nachts in seine Welt hineingeträumt und reiste dabei immer wieder nach "Neverland", in sein Reich, in dem alles so schön war und nichts bedrohlich schien. Damals konnte ich meine Träume sogar beeinflussen. Manchmal ging ich schon nachmittags um fünf ins Bett und beschloss, von Michael Jackson zu träumen – das hat immer geklappt. Ich träumte Geschichten, die, wenn ich das nächste Mal schlief, direkt weitergegangen sind. Zum Beispiel habe ich mal geträumt, dass ich in der Küche sitze und Michael Jackson dabei zusehe, wie er Abendbrot für uns beide zubereitet. Ich beobachte, wie er da in einer Jogginghose steht, erst Brot schneidet und dann Paprika. Er machte also Sachen für mich, die ich in der Realität nie mit ihm in Verbindung gebracht hätte. Mit acht war ich auf meinem ersten Michael-Jackson-Konzert, in Hamburg. Später, als Teenager, bin ich ihm sogar eine Zeit lang hinterhergereist. Ich habe bestimmt zwanzig Michael-Jackson-Konzerte gesehen. Ich habe damals meine ganze Kohle dafür ausgegeben und manchmal sogar vor seinem Hotel geschlafen.

Mein großer Traum, Michael Jackson einmal persönlich zu begegnen, ist dann eines Tages tatsächlich wahr geworden: In der Gesangsschule in Delmenhorst hatte ich einen Lehrer, der damals für Michael Jacksons Auftritt 1992 in Bremen einen Kinderchor zusammenstellen sollte. Irgendwann kam er zu mir und machte mir das Angebot, da mitzusingen. Und so stand ich dann beim Konzert zusammen mit drei meiner Geschwister auf der Bühne. Am Abend des Konzerts warteten wir backstage auf unseren Einsatz und waren angewiesen worden, keinesfalls unsere vorgeschriebene Position zu verlassen. Aber als ich sah, wie Michael Jackson von der Bühne ging, um sich umzuziehen, bin ich einfach losgelaufen, sprang ihn an, umarmte ihn. Er roch so gut! Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn liebe, und seine Hand festgehalten. Er antwortete: "I love you too!" Nach dieser Umarmung habe ich mich fünf Tage lang nicht gewaschen.

Ich habe lange Zeit gedacht, dass ich Michael Jackson immer bis aufs Blut verteidigen würde – aber nach dem Dokumentarfilm Leaving Neverland ist das schwierig geworden. Als ich den gesehen hatte, ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ich fühle mich von ihm betrogen und muss für mich immer noch klarkriegen, dass er höchstwahrscheinlich all diese Dinge getan hat, die in dem Film beschrieben werden: War er doch so krank, dass er nicht wusste, was er tat? Wie konnte das alles passieren? Und dennoch spüre ich, so wie eines seiner Opfer in dem Film es beschreibt, auch einen Impuls, der sagt: Ich liebe ihn trotzdem.

Die große Frage, ob man das Werk vom Künstler trennen kann, beschäftigt mich zurzeit sehr. Vor ein paar Tagen habe ich Michael Jacksons Song Man in the Mirror zufällig im Auto gehört – mir sind Tränen in die Augen geschossen.

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