Turnen: "Kannst du nicht fester drücken?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 23/2019

Greta kann fast Spagat. Manchmal ruft sie mich zu Hilfe: "Papa, kannst du mich mal runterdrücken?" Dann komme ich und lege meine Hände auf ihre Schultern und versuche sie sachte Richtung Teppichboden zu drücken. "Fester", ruft Greta, "fester!" Ich meine, dass man da eher vorsichtig vorgehen soll, aber Greta lässt es keine Ruhe, dass sie noch nicht mit den Beinen waagrecht auf den Boden kommt. Greta hat einen Turnanzug mit Glitzersteinchen, den hat ihr eine Freundin meiner Frau geschenkt. Hätte ich Greta einen Turnanzug gekauft, wäre er wahrscheinlich schlichter ausgefallen. Turnen ist etwas, dessen Zauber ich noch nicht richtig verstehe. Was macht man da? Greta sagt: "Rad schlagen, Flickflack, Salto aus dem Stand." Wenn ich ganz ehrlich bin, dann zählt keines der besagten Kunststücke zu meinen Lebenszielen. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich so etwas nicht vermag. Ich werde ins Grab gehen, ohne je einen Flickflack gemacht zu haben. Es ist okay für mich.

Aber nicht für Greta. Sie macht nun auch am Morgen Gymnastik. Früher habe ich sie wecken müssen und ihr erst mal einen Nutella-Toast ans Bett gebracht. Nun steht sie eine halbe Stunde vor mir auf und macht ein "Work-out". Dazu gehören Übungen wie Bauchpressen. Eine Bauchpresse ist, wenn man sich auf den Rücken legt, die Arme über der Brust verschränkt und den Oberkörper nur durch das Zusammenziehen der Bauchmuskulatur aufrichtet. Ich kann mich heute noch schwer dazu motivieren, körperliche Ertüchtigungsübungen zu machen. Aber in Gretas Alter wäre mir das niemals eingefallen: sich anzustrengen, einfach nur um der Anstrengung willen. Sich dehnen, nur weil man es kann. "Kannst du mich mal jetzt endlich ein Stück runterdrücken – ich meine fester?", sagt Greta. Ich drücke etwas fester, Greta ist schon fast unten. "Nur noch ein ganz kleines Stück!", triumphiert sie. Ich versuche auch einen Spagat zu machen, leider bleiben meine Beine im 45-Grad-Winkel stecken, und ich kippe seitwärts um, wie ein gefällter Baum. "Was möchtest du denn einmal mit dem Spagat anfangen?", frage ich sie. "Na, ich will an Wettkämpfen teilnehmen." – "Und was ist denn schön an Wettkämpfen?" – "Man trainiert, damit man bewertet wird." – "Aber warum magst du denn bewertet werden?" – "Na, sonst kommt man ja nicht weiter und lernt nichts Neues."

Der Vorwurf an den Sport ist ja heute oft eher, dass er zu kompetitiv und zu leistungsorientiert sei und Kindern nahegelegt werde, sie seien weniger wert, wenn sie nicht sportliche Höchstleistungen erbringen könnten. Ein warnendes Beispiel sind Eltern, die ihren Nachwuchs auf dem Tennisplatz anherrschen, er solle sich gefälligst anstrengen. Ich habe nie schreiend an irgendeinem Spielfeldrand gestanden, das fiele mir gar nicht ein. Aber mein Verdacht ist, dass Greta sich auch ohne meine Anwesenheit sehr anstrengen würde. Manchmal denke ich, dass sich Greta unnötig Stress macht, wenn sie sich fest vornimmt, unbedingt bestimmte Übungen turnen zu können. Gleichzeitig gibt ihr das aber auch Werte. Sie hat damit ein Koordinatensystem, das ihr sagt, wo es nach vorne geht und was ein Ziel ist. Und es gibt für sie eine Instanz, die ihr sagt, ob etwas gut ist oder nicht. Eine Instanz, die sie sich selbst gesucht hat – und die nicht ihr Vater ist. Mir dämmert, dass so ein Spagat auch ein Schritt zu einem eigenen Selbstbewusstsein ist. Und alles, was ich dabei tun kann, ist, etwas fester zu drücken. "Ja, so ist gut", sagt Greta, "endlich hast du es verstanden."

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Auch meine Tochter turnt, in ihrer Gruppe ist der Wille etwas zu erreichen (als Team oder jede für sich) stark ausgeprägt, sonst hätten alle schon die Freude am Training verloren. Die Sozialkompetenz ist in der Gruppe aber keineswegs geringer ausgepägt als z.B bei den anderen Mädels in der Klasse.
Daher den blosen Willen einen Sport etwas intensiver zu betreiben gleich mit Doping, fehlender Empathie und mangelder Sozialkompetenz zu verbinden ist dann doch etwas weit her geholt. Gerade beim Turnen geht es nicht darum andere zu schlagen, sonden nur darum die eigene Übung möglichst fehlerfrei zu turnen, und ggf höherwertige Elemente einbauen zu können.
Das mag in Sportarten in denen wirklich Geld verdient werden kann anders sein, da kann es schon mal zum Hauen und Stechen kommen, wenn es darum geht den Scouts der großen Vereine zu beeindrucken. Davon war aber in dem Artikel nicht die Rede.