Gesellschaftskritik: Über Fremdsprachen

© Denis Balibouse/Reuters
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 23/2019

Wer im politischen Wahnsinn unserer Zeit mal ein Politikervideo sehen will, das einem ein Lächeln auf die Lippen zaubert, kann sich an einem Interview mit Ueli Maurer erfreuen. Maurer ist der Bundespräsident der Schweiz, und bevor Sie jetzt ein schlechtes Gewissen bekommen, weil Sie den Namen noch nie gehört haben: don’t! Die Schweizer haben als oberstes Entscheidungsgremium einen Bundesrat, dessen Vorsitzender jedes Jahr wechselt, und seit Januar ist es eben jener Ulrich "Ueli" Maurer. Der war in Washington, unter anderem um eine Vermittlerrolle im Iran-Wahnsinn einzunehmen, so genau weiß man das aber nicht, denn in dem inzwischen berühmten Interview, das Maurer bei CNN gab, radebrecht er so stark, dass man darauf wartet, dass die Moderatorin zu lachen anfängt. Davor hatte Maurer im Gästebuch des Weißen Hauses noch einen kleinen Buchstabendreher hinterlassen: "Thank you for your invitation to the Withe House. "

Entsprechend groß war die peinliche Berührtheit seiner Landsleute, die sich auf Twitter, wo sonst?, lustig machten, denn gutes Englisch gehört für die mehrsprachigen Schweizer neben einer Wanderjacke von Mammut zur Grundausstattung. Nun hatte Ueli Maurer, bis vor einigen Jahren Präsident des Verbandes der Gemüseproduzenten und zudem Vater von sechs Kindern, vermutlich wenig Zeit, in der Migros-Klubschule sein Englisch zu verfeinern. Maurer reiht sich also ein in die Liste von Politikern mit grottigem Englisch (LvPmgE). Unforgettable natürlich Günther Oettinger, wie er auf einer Konferenz der "renowned Columbia University" durch einen vorbereiteten Text stolpert wie in einem Abi-Prüfungs-Albtraum. Ein Geheimtipp ist das Video von Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU), wie er beim Earth Day in Washington der Menge in Michael-Jackson-Manier "I love you! " zuruftpriceless . Auch Wolfgang Schäuble, von dem man fairerweise sagen muss, dass er kaum Grammatikfehler macht, klingt auf englischen Pressekonferenzen wie ein Schwabe, der in der Bronx überfallen wird und verzweifelt versucht, aus der Situation herauszukommen.

Kann es sein, dass wir an Politiker widersprüchliche Wünsche haben? Sie dürfen sich nicht in elitären Blasen bewegen und sich nicht dabei ertappen lassen, wie sie mit reichen Freunden an schönen Orten abhängen. Sie sollen sein wie der Durchschnittsbürger, aber sobald sie das Land verlassen, sollen sie sich in smoothe Kosmopoliten verwandeln. Der Letzte, der dies geschafft hat, war Karl Theodor zu Guttenberg, and we all know what happened to him .

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