Biergärten: Schwer erträglich

© Paula Winkler
Aus der Serie: Alles oder nichts ZEITmagazin Nr. 24/2019

Der Sommer ist eine brutale Jahreszeit, völlig zu Unrecht genießt er einen guten Ruf. Seine Fürsprecher tun so, als wären seine Monate eine Zeit des Müßiggangs, als wäre auf einmal alles in ein besonderes Licht getaucht, als ergäbe alles Sinn, nur weil die Tage etwas länger sind.

Nichts davon ist wahr. Der Sommer ist eine Jahreszeit, lästig wie jede andere, nur dass es in den S-Bahnen noch schlechter riecht. Die Tage sind länger, was bei allen, die wissen, wie Tage sein können, für schlechte Laune sorgen sollte. Es ist heiß, jede Bewegung tut weh, kein Deo ist stark und keine Liegewiese groß genug. Es gibt drei Regeln, die es zu befolgen gilt, wenn man den Sommer ohne Schaden überstehen möchte: Meide Menschen, suche Schatten, und egal was du tust, trage dabei niemals Flip-Flops.

Der Deutsche an sich bricht oft alle drei Regeln auf einmal, denn er besucht im Sommer gerne Biergärten. In Biergärten, so die teutonische Mär, sei der Sommer besonders gut zu ertragen. Das ist Quatsch. Kinder spielen in der prallen Sonne in deprimierenden Sandkisten, Erwachsene sitzen in der prallen Sonne und trinken deprimierendes Bier, dem die Langeweile per Reinheitsgebot eingebraut wurde. Wer out of the box denkt, kauft sich nach dem zweiten Glas vielleicht eine kleine Schachtel Ültje-Erdnüsschen an der Biertheke, die Sonnenbrille rutscht von der Nase wegen des Schweißfilms, Hunde bellen, und ihre angesoffenen Besitzer drängen ihren Mitmenschen Tierliebe auf, niemand ist auch nur für eine Sekunde still, und wenn man Pech hat, packt jemand die Gitarre oder eine Slackline aus. Biergärten sind das Symptom eines größeren Problems: Wir Deutschen sind sehr, sehr schlecht darin, den Sommer würdevoll zu ertragen. Scheinbar intuitiv suchen wir uns die unlogischsten, dümmsten, ungesündesten Aktivitäten aus, sobald Juni ist, als würden wir die Hitze als Herausforderung und Sonnenbrand als Wettbewerb verstehen.

Nein, ich beruhige mich nicht. Ich war schon in einer Menge Biergärten in meinem Leben, denn auch ich habe studiert. Und noch nie saß ich in einem, der seine Versprechen in puncto Naturnähe, Bierqualität oder Urigkeit erfüllen konnte. Denn das ist ja das Schlimme: Biergärten sind seelenlose Orte voller Systemgastronomie, eine Verpflegungsstation, die nichts so richtig ist, zu hell für eine Kneipe, zu unambitioniert für ein Restaurant, nicht mehr als ein Vapiano für Alkohol. Biergärten leben von der Illusion von Tradition, es sind Orte, die Geschichten erzählen wollen von Familienwappen und von großen Eichen, die schon seit Jahrhunderten rumstehen und Schatten spenden, aber alles, was Biergärten in Wirklichkeit sagen, ist: Glaspfand 5 Euro. In Biergärten imitieren wir das Gefühl, von dem wir glauben, dass Touristen es unter "deutscher Gemütlichkeit" verstehen, indem wir uninteressantes Bier trinken und schlechte Pommes essen. Es ist ein Automatismus geworden, den niemand mehr hinterfragt, wie ein anzüglicher Gag im Freundeskreis, den man seit Jahren macht, obwohl schon lange niemand mehr drüber lacht. Menschen meiden, Schatten suchen, niemals Flip-Flops tragen. Mehr braucht es nicht für einen erträglichen Sommer.

Kommentare

106 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Das ist kein Zufall, sondern System. Das ist eine bewusst platzierte Artikelserie.

Ich finds oft ganz lustig, die Dinge mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Dieser Artikel ist aber einfach schwach. In einem normalen deutschen Sommer kann man vielleicht an 10, maximal 20 Tagen noch länger abends in kurzer Hose und T-Shirt draußen sitzen. Wer an solchen Abenden in der Wohnung bleibt, hat selber schuld.

Fü mich ist ein Biergarten eine nach draußen verlegte Kneipe. Keine Religion.

Bei mir erweckt das noch andere Assoziationen, nämlich an die Adligen des Ancien régime, die ebenfalls mit einer Mischung aus Abscheu und Belustigung auf die Canaille herabschauten. Auch wenn "der Deutsche" (halb ironisch offenbar noch zulässig) im Laufe des Textes durch "wir Deutschen" ersetzt wird, besteht doch kein Zweifel daran, dass sich die Autorin selbst weit entfernt vom stinkenden, uninteressantes Zeug brabbelnden, angetrunkenen Pöbel verortet. Immerhin kommt ja mit der Kritik an der Systemgastronomie noch ein zarter Ansatz von dem, was man früher einmal Gesellschaftskritik nannte, ins Spiel.

Es ist genau umgekehrt: Die "Massen" (wieso schreiben sie nicht einfach Pöbel, so meinen Sie das doch) kennen Geheimtipps, Nischen und haben Spaß.

Leute wie Sie sitzen mit ein paar anderen Nerds irgendwo in einem Loft, trinken experimentelles Bier, gucken Frauenfußball und finden sich dabei unheimlich toll.

(Okay Redaktion, ich weiß ... wird gelösch ... musste einfach mal raus)

Schlecht geschlafen? Kleiner Tipp, wenn Sie die miesen Pommes oder die Pampe der Systemgastronomie nicht mögen: bringen Sie Ihr eigenes Essen mit, da geht dann alles und ist auch billiger. Geht nicht? Dann ist es kein Biergarten. Ültjes habe ich hier übrigens noch nie gesehen. Und Schatten hat's meistens auch, die Biergärten, die ich kennen werden von Bäumen beschattet, allerdings nicht von Eichen, sondern meistens von Kastanien. Schlechtes Bier? Gut, ist Geschmackssache, ich bin es zufrieden. Gläser gibts aber nur bei Weissbier, ansonsten kommt das Bier in Krügen.
Stellt sich die Frage, was Sie so unter "Biergarten" verstehen. Ich vermute mal, Ihre "Biergartenerfahrung" haben Sie nördlich des Mains gesammelt? Sie müssen nicht alles glauben, was der Wirt so hinschreibt ...