© Florian Thoss

Fußball: Die Liebe meines Lebens

Mit sechs Jahren verliebte sie sich in den Fußball. Obwohl der damals für Mädchen und Frauen verboten war, kickte sie mit den Jungs auf der Straße. Heute, mit 59, spielt sie wieder im Verein: Unsere Autorin Martina Keller über die längste Beziehung, die sie je hatte. Von
ZEITmagazin Nr. 24/2019

Ich bin fußballverrückt. Mit sechs fing es an, und jetzt, mit 59, ist es schlimmer denn je. Ich verbringe die Samstagnachmittage in Kneipen, die ich normalerweise nicht betreten würde, und fiebere mit meiner Mannschaft mit, dem BVB.

Meist gucke ich im 1&Dreißig an der Fruchtallee in Hamburg. Hier tragen die Besucher Schwarz-Gelb und trinken Dortmunder Stadionbier. Es gibt vier Bildschirme und eine große Leinwand. Auf dem Weg zum Klo hängen BVB-Trikots mit Autogrammen an der Wand. Die Decke schmücken Clubschals.

Am liebsten sitze ich in der vordersten Stuhlreihe im Nichtraucherraum – da ist es weniger verqualmt. Andere verabreden sich mit ihren Kumpeln fürs 1&Dreißig. Ich geh allein dahin. Meine einzige Bekanntschaft ist Andreas, Elektroingenieur, Karatetrainer, etwa mein Alter. Ich treffe ihn fast jede Woche. Seinen Nachnamen kenne ich nicht. Er fachsimpelt mit mir. Die anderen Männer ignorieren meine Kommentare. Deshalb führe ich oft Selbstgespräche. Und bin froh, dass ich garantiert keinen meiner Freunde hier treffe. So wie ich mich beim Fußballgucken aufführe. Mein Patensohn Jasper, 21, aus Bochum, musste mal mit in die Kneipe, als er mich in Hamburg besuchte. Er fand mich peinlich, gestand er später. Man könne seine Anteilnahme auch weniger lautstark äußern.

Wichtige Spiele trage ich im Kalender ein. Freue mich wochenlang drauf. Aber wenn dann angepfiffen wird, wünsche ich mir, es wäre schon wieder vorbei. Ich habe Herzklopfen, ahne das Schlimmste. Und das Schlimmste tritt ein. Neulich beim Spiel in München: BVB-Spieler Zagadou legt den Ball vorm eigenen Strafraum quer, Lewandowski lauert an seiner Seite. Und macht ihn natürlich rein. Unfassbar!

Andreas ist im Vergleich zu mir ein souveräner Fan. Schaut sich ausschließlich BVB-Spiele an. Tanzt ansonsten Discofox, Disco-Chart, Lindy Hop und Ähnliches. Manchmal taucht er im Seidenhemd auf, wenn er gerade von der Tanzfläche kommt.

Ich dagegen gucke BVB und alles andere auch: Bundesliga, Zweite Liga, Pokal, Frauen-EM, Frauen-WM, Premier League, Primera División, Champions League, Europa League, Länderspiele ... Gern auch mal U17, U19 oder Saisonvorbereitungsspiele des BVB. Manches schaue ich im Fernsehen. Außerdem habe ich ein Abo für BVB-TV, falls ich mal eine Partie meines Teams verpasst habe. Dort werden die Spiele noch mal gezeigt.

Seit drei Jahren spiele ich auch wieder. Bei Union 03, Bezirksliga Hamburg West, zweitunterste Spielklasse. Die Jüngsten aus meinem Team sind Anfang 20, die beiden Ältesten 40. Dann kommt lange nichts. Und dann ich.

Ich spiele Sturm oder offensives Mittelfeld. Manchmal auch auf der Sechs. Mein Pflichtspiel-Comeback nach 30 Jahren war kurz – 15 Minuten. Inzwischen bin ich manchmal in der Startelf, habe Ende 2017 sogar ein Tor geschossen, das 1:1 gegen Eidelstedt. Direktabnahme mit links nach Kopfballverlängerung. Der Ball sauste direkt unter die Latte, leider mittig. Zum Glück war die Torhüterin zu klein.

Ich hatte noch Fußballschuhe aus den Achtzigern. Schwarze Noppenschuhe mit silberroten Streifen, auf der Lasche ein Dreiblatt-Logo. Mit denen trainierte ich die ersten Monate. Aber jedes Mal gab es Blasen. Also ging ich los, um neue zu kaufen, einen von den alten nahm ich mit. So einen wieder, sagte ich zum Verkäufer. Der zog verschiedene Modelle aus dem Regal. Dann fragte er: Darf ich den mal fotografieren?

Meine Schuhe sind also reif fürs Museum – und ich könnte die Mutter meiner Mitspielerinnen sein. Auch die Oma mancher Gegnerin. Aber Fußball ist ja auch die längste Beziehung meines Lebens.

Angefangen hat das alles 1966, mit dem WM-Finale England gegen Deutschland in Wembley. Ich war sechs und sah das Spiel im Fernsehen. Nach der Niederlage mussten meine aufgewühlten Eltern erst mal an die Luft. Ich an ihrer Hand hatte nur einen Gedanken: Wir sind Vizeweltmeister. An Bilder erinnere ich mich nicht, nur an dieses überwältigende Gefühl. Und die Vorfreude auf die nächste Weltmeisterschaft, vier Jahre später in Mexiko.

Seit Wembley spiele ich. Auf dem Schulflur. Im Hof. Im Park. Es brauchte nur einen Ball und ein paar Jungs, die mich mitmachen ließen. Ich kickte auch allein im Garten. Ball hochhalten, gegen die Garagenwand pöhlen, stundenlang. Einmal ruinierte ich das Rosenbeet meines Vaters, was der mit einem Tag Fußballverbot ahndete – Höchststrafe.

Mein Schwager Friedel, damals Anfang 20, musste ständig ran. Wir spielten zwischen Teppichstangen auf kleine Tore. Oft hatte ich ihn am Rand der Niederlage. Dachte ich jedenfalls. Als er mir kürzlich gestand, er habe mich extra rankommen lassen, war ich enttäuscht.

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