Ketten: Bis in die Glieder

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 24/2019

Durch eine Kette wird starres Metall beweglich. Das macht sie auch als Schmuck interessant, denn so lassen sich die Eigenschaften des Metalls am Körper tragen: Die Kette verbindet den warmen Leib mit den kalten Elementen. Sie kann schmücken – sie kann aber auch fesseln. Sie kann genauso Macht symbolisieren wie Gefangenschaft.

Die Metallkette gehört zu den wenigen Gegenständen, die seit Jahrtausenden als Gebrauchs- und auch als Schmuckgegenstand verwendet werden. Schon in der Bronzezeit wurden Ketten hergestellt, um sich damit zu verzieren, und gleichzeitig band man damit Gefangene aneinander. Im heutigen Irak hat man eiserne Ankerketten aus der Zeit von 1400 bis 800 vor Christus gefunden. Die ersten Rüstungen aus Ketten aus dem 4. Jahrhundert vor Christus wurden aus keltischen Gräbern geborgen. Schon in der Antike befasste man sich mit Ketten als Mittel der Kraftübertragung und baute etwa Schöpfwerke mit geschmiedeten Ketten. In der Zeit der industriellen Revolution schließlich wurden Ketten massenhaft in der maschinellen Produktion eingesetzt.

Diese Vieldeutigkeit macht die Kette auch für die Mode interessant. Das hatte Coco Chanel spätestens 1955 erkannt, als sie die Handtasche 2.55 mit einer Kette als Schulterriemen entwarf. Sie ist benannt nach ihrem Entstehungsdatum, dem Februar 1955, und wird seither, teils in abgewandelter Form, fortlaufend produziert. Mit der 2.55 hatten Frauen endlich die Hände frei, bis dahin mussten die meisten Handtaschen in der Hand gehalten werden. Die Kette wurde hier zum Symbol der Befreiung.

Dieses Jahr tauchen Ketten in vielen Kollektionen auf – etwa bei Givenchy als Gürtel und Applikationen. Bei Alexander McQueen wirken breite Kettengürtel wie Patronengurte, und bei Louis Vuitton sind Taschen mit Ketten versehen, die so markant sind, dass Schlossgespenster damit herumziehen könnten.

Ketten verleihen jedem Look eine gewisse Bodenständigkeit. Wer eine etwas massivere Variante trägt, kann sie gut zu sehr leichten und zarteren Kleidern kombinieren, ohne an Präsenz zu verlieren. Zudem deuten Ketten auch Wehrhaftigkeit an, vor allem wenn man als Frau eine stabile Kette als Schmuck trägt. Vielleicht können Ketten gerade in unsicheren Zeiten ein bisschen Halt vermitteln. Manche der aktuellen Ketten – etwa jene, mit der die Tasche Steamer PM von Louis Vuitton ausgestattet ist – sehen gar nicht mehr so aus, als seien sie zur Zierde gedacht. Sie erwecken den Anschein, als könne man damit auch ein Fahrrad abschließen. Als seien sie gleichzeitig Schmuckstück und Gebrauchsgegenstand.

Foto: Peter Langer / Ketten, die man nicht sprengen sollte: Tasche von Louis Vuitton

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