Kognitive Dissonanz: "Es könnte auch eine Vier geworden sein"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 24/2019

Lotta hatte eine Lateinarbeit geschrieben. Latein ist ja ein etwas schwieriges Fach, weil die einzige Population, die diese Sprache noch spricht, die Lateinlehrer sind. Aber das hat Lotta im Griff, denn als sie nach der Klassenarbeit nach Hause kam, sagte sie: "Ich habe eine Zwei geschrieben!" Ich fragte, wie das denn sein könne, dass die Arbeit schon korrigiert sei. Sie meinte, dass die Arbeit genau genommen noch nicht korrigiert sei, aber sie es trotzdem schon wissen könne. Schließlich wisse sie ja, was stimme und was nicht.

Meine Frau und ich erhalten ständig solche Erfolgsmeldungen. Ich sage dann so etwas wie: "Schön, das klingt ja sehr gut, freut mich für dich." Allerdings habe ich keine Ahnung, aufgrund welcher Datenbasis Lotta solche positiven Einschätzungen trifft. Ich nehme an, es ist eine Mischung aus Abgleich mit Mitschülern und eigenem Bauchgefühl. Lotta kann allerdings auch detaillierte Auskünfte über ihre gut überstandenen Klausuren geben: "Da war eine Aufgabe, da bin ich mit einem Satz nicht zurechtgekommen, aber der Rest war voll easy." Es gibt bei der ganzen Sache nur ein Problem: Die gefühlte Note bei einer Klausur hat mit der tatsächlichen Note oft wenig zu tun. Aus der erwarteten Zwei plus kann schon mal eine Vier werden. Allerdings wird diese etwas weniger faszinierende Note wesentlich unauffälliger mitgeteilt. Ich könnte sie auch leicht überhören. Es ist schon vorgekommen, dass eine Note im Halbjahreszeugnis eher so okay war, nachdem das ganze Halbjahr nur Erfolgsmeldungen zu hören gewesen waren.

Ich halte das für eine clevere Vorgehensweise. Lotta nutzt die Methode der kognitiven Dissonanz. Demnach hat man eine höhere Neigung, sich Nachrichten zu merken, die in das eigene Weltbild passen. Meldungen, die ihm widersprechen, verdrängt man eher. Da Lotta und ich beide eher glauben möchten, dass sie ein Ass in Latein ist, merke ich mir ihre Aussage, dass die Klausur super verlaufen sei, viel lieber als die tatsächliche Note. Das ist eigentlich keine schlechte Strategie. Das Lob für die gute Note holt sie sich schon vorher ab, das hat sie dann sicher, selbst für den Fall, dass die Zensur schlecht ausfällt. Sie verhält sich also ungefähr so wie Politiker, die schon lauthals verkünden, all ihre Ziele erreicht zu haben, bevor sie überhaupt angefangen haben zu regieren. Nun mag man anmerken, Lottas Stimmungsmache verfälsche ja ihre tatsächlichen schulischen Leistungen. Aber die Frage ist, ob es anders wirklich besser wäre: Lotta käme nach Hause und würde erklären, die Lateinarbeit sei so mittel gelaufen. Ich würde dann sagen, dass sie sich besser hätte vorbereiten sollen. Und dann käme sie mit der miesen Note nach Hause und müsste sich den gleichen Kommentar noch einmal anhören. Zumindest eine der Predigten erspart sie uns beiden. Den größten Vorteil aber hat Lotta selbst. Wie oft habe ich als Kind auf Rückgabetermine von Klausuren hingebibbert und bis dahin keinerlei Freude empfinden können. Lotta hingegen hat einfach ein gutes Gefühl – und dieses Gefühl kann ihr im Nachhinein nicht einmal mehr eine schlechte Note wegnehmen. Ein Woche später sagte Lotta, dass sie nun plötzlich ein schlechtes Gefühl habe. "Es könnte vielleicht auch eine Vier geworden sein, oder schlimmer!" Nur so ein Gefühl. Ich tröstete sie, sie solle doch nicht so pessimistisch sein. Am nächsten Tag kam sie mit einer Drei nach Hause. Das war dann eine gefühlte Zwei, und alle waren froh. Von Lottas Erwartungsmanagement kann man nur lernen.

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