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Wolfgang Schüssel: "Ich hatte ein Kreuz zu tragen"

Als Kanzler war der Druck groß. Er hielt ihn aus, weil er überzeugt war, das Richtige zu tun. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 24/2019

ZEITmagazin: Herr Schüssel, Sie waren drei, als Ihr Vater Ihre Mutter verlassen hat. Wenn Sie Ihrer Mutter ein Denkmal setzen könnten, was würden Sie daraufschreiben?

Wolfgang Schüssel: Ich verdanke ihr wahnsinnig viel. Sie hat nie schlecht über ihn geredet und als Magd bei einem Bauern gearbeitet, um mich durchzubringen. Es gab ja nichts zum Beißen, 1948 war Österreich das laut UN am stärksten von Hungersnot gefährdete Land. Eigentlich war meine Mutter Sekretärin, sie hat sich aber später zur Handarbeits- und Kochlehrerin fortgebildet, um mehr Zeit für mich zu haben. Im Dezember 1998 ist sie gestorben, und ich habe ihren Grabstein selbst entworfen, ein grüner Granit vom Großvenediger aus 2.500 Meter Höhe. Ich habe einen Engelsflügel daraufgezeichnet und den Stein mit Zirkonen, künstlichen Diamanten, besetzt. Wenn die Sonne scheint, strahlt der Stein wie tausend Sterne. Müsste ich einen Satz schreiben, wäre es: Auf Wiedersehen!

ZEITmagazin: Der Kontakt zum Vater war nie so eng?

Schüssel: Mein Vater wurde immer zu Weihnachten eingeladen, er hat zugeschaut, mitgegessen, und dann ist er wieder gegangen. Es war sehr schwierig, mit ihm zu reden. Meine Mutter war mein Lebensmensch. Sie ist mit mir durch dick und dünn gegangen. Sie war keine Intellektuelle, aber eine unglaublich warmherzige Frau. Meine Tante, die Schwester meines Vaters, hat die Vaterstelle übernommen. Sie war Oberstudienrätin in der Lehrerinnenbildungsanstalt. Mit ihr gab es Reibungen, mehr als mit meiner Mutter.

ZEITmagazin: Ihre Tante hat auch das elitäre Schottengymnasium bezahlt, wo Sie von 1955 bis 1963 von Benediktinern unterrichtet wurden. Hat Sie das geprägt?

Schüssel: Es war nicht selbstverständlich, als Kind geschiedener Eltern aufgenommen zu werden. Meine Tante bürgte für mich, und der Abt von Seckau hat mir einen Empfehlungsbrief geschrieben. Ich habe ihm jeden Sommer mein Zeugnis vorlegen müssen. Das war toll, aber auch ein ziemlicher Druck.

ZEITmagazin: Sie haben im Knabenchor gesungen und spielen Klavier. 1999 haben Sie auch noch mit dem Cello angefangen.

Schüssel: Ich wollte etwas machen, das mich an meine Mutter erinnert. Ich wollte ein Streichinstrument lernen, und da kam nur Cello infrage. Mstislaw Rostropowitsch hat mir gesagt: Das Cello ist eigenwillig wie eine Frau, du musst sanft und zärtlich zu ihm sein. Musik ist für mich ein Lebensmittel.

ZEITmagazin: 2000 sind Sie politisch mit der FPÖ des Rechtspopulisten Jörg Haider eine Koalition eingegangen. Warum haben Sie Haider hoffähig gemacht?

Schüssel: Der Koalitionsvertrag mit der SPÖ war fix und fertig, wurde aber im SPÖ-Parteivorstand abgelehnt, deshalb haben wir mit den Freiheitlichen verhandelt, und die haben 95 Prozent einfach übernommen. Haider ist als Landeshauptmann in Kärnten geblieben, aber Sie haben recht, wir hatten jeden Tag tausend Demonstranten, und im Februar kamen noch die EU-Sanktionen. Das war ein Schock. Wir haben dann Zwangsarbeiterentschädigungen im Blitztempo sowie Steuerreform, Privatisierung, Budgetsanierung und Pensionsreform beschlossen. Die Sanktionen wurden im September schon wieder außer Kraft gesetzt. Im vorangegangenen Wahlkampf 1999 ist es mir persönlich sehr schlecht gegangen, als ob ich etwas vorgeahnt hätte. Ich hatte einen furchtbaren Bandscheibenvorfall und in Helsinki Zahnprobleme. Eine Nacht lang habe ich mit der Wange unter kaltem Fließwasser gelegen, damit der Schmerz betäubt wird. Mein Körper hat Signale ausgesandt: Ich hatte ein Kreuz zu tragen und habe mir die Zähne an etwas ausgebissen.

ZEITmagazin: Was hat Sie gerettet?

Schüssel: Ich halte enormen Druck aus, aber ich darf nie allein sein, das ist der entscheidende Punkt bei mir, und das war ich nicht. Gerettet hat mich die Überzeugung, das Richtige zu tun, weil es keine Alternative gab. Die Musik hat geholfen und vor allem meine Frau Gigi, die noch dazu Psychologin ist. Die ganze negative Energie habe ich versucht umzuwandeln in etwas Konstruktives. Das ist mir nicht immer gelungen, aber ich habe es zumindest versucht.

ZEITmagazin: Jetzt ist das wahre Gesicht führender FPÖ-Politiker wie Strache und Gudenus zutage getreten. Würden Sie auch heute sagen, dass Sie das Richtige getan haben?

Schüssel: Strache war immer ein Gegner unserer damals erfolgreichen Koalition. 2002 wollte er die Regierung stürzen. 2005 musste sich der moderate Teil des Koalitionspartners von ihm sogar abspalten, um eine vernünftige und proeuropäische Politik zu gestalten.

ZEITmagazin: In der Öffentlichkeit wurden Sie als Mann mit Stahlnerven beschrieben, der Gegner lächelnd über den Tisch zieht.

Schüssel: Das sind so Pickerl, die man jemandem auf die Stirn klebt, um ihn als eiskalten Roboter darzustellen. Natürlich bemühte ich mich, gelassen zu erscheinen, auch wenn ich es nicht war. Ein Lächeln muss aber spontan sein, sonst ist es nicht echt. Ich habe ein freundliches, fröhliches Gemüt. Wenn das Leben auch nicht nur Honigseiten entwickelt, ist es lebenswert und schön. Der Pessimist ist der einzige Mist, auf dem nichts wächst.

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