Harald Martenstein: Über die Schwierigkeit, einen Arzttermin zu bekommen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 25/2019

Ich konnte immer schlechter sehen, also ging ich im vergangenen Jahr zu einer Optikerin und ließ die Augen checken. Die Optikerin sagte: "Sie sollten mal besser zum Augenarzt. Ich glaube, ich erkenne da was. Und Sie sollten nachts besser nicht außerhalb der Stadt fahren." Was genau sie erkannte, wollte sie nicht sagen, um mich nicht zu beunruhigen. Das fand ich beunruhigend.

Der erste freie Termin beim Augenarzt war nur zwei Monate später, es war der 29. Januar. Die Ärztin erkannte ebenfalls was und sagte, sie müsse einen Test machen, der leider etwas mehr Zeit beanspruche. Der erste freie Termin für den Test war am 1. April. Der Test erbrachte kein eindeutiges Ergebnis. Ein zweiter Test ist nötig, dieser Test wird nun am 6. August stattfinden. Ich habe die Schrift im Computer größer gestellt, und zurzeit ist es lange hell, insofern: alles paletti.

Die Kindsmutter wurde auch zu einem Facharzt überwiesen, der Fall ist kompliziert, und die Terminanfrage datiert vom 25. April. Die Arzthelfende schrieb: "Für neue Patienten haben wir erst Termine im September." Es gebe aber eine andere Möglichkeit. Der Arzt nehme immer jeweils am Montag und Dienstag genau drei neue Patienten an, und zwar um 9.30 Uhr, um 10.30 Uhr und um 11.30 Uhr. Diese Menschen haben natürlich viele Monate auf den Termin gewartet. In der Zwischenzeit kann so manches passiert sein, entweder es gab eine Wunderheilung, oder die Sensenperson hat den Patienten von seinem Leiden erlöst, oder die Kranken haben sich an die Krankheit gewöhnt oder sie sogar lieb gewonnen und ihr Interesse an einer Heilung verloren. Man darf also an jedem Montag und Dienstag als Ersatzpatient kommen und warten, ob der Terminbesitzende tatsächlich fit ist und aufläuft, ein bisschen wie Jérôme Boateng beim FC Bayern München. "Wenn der neue Patient kommt, müssen Sie leider gehen", schreibt die Helfende, "ist ein Risikotermin."

Eine Freundin, deren Mann Politiker ist, sagte, sie könne helfen. Ein Anruf ihres Mannes genüge. So was tut man natürlich nicht. Andererseits, wenn es die einzige Möglichkeit sein könnte, sein Leben zu retten? Man könnte auch mit der Cessna zu diesem Dschungeldorf fliegen, das im Fernsehen kam, einmal im Monat sind NGO-Ärzte dort. Die nehmen jeden, wirklich jeden dran. Warum kommen sie nicht auch mal nach Deutschland?

Das Problem der Überalterung unserer Gesellschaft dürfte sich jedenfalls von alleine lösen, wenn beim Arzt nur noch Stammgäste bedient werden. Ein anderes Problem besteht darin, dass es immer weniger Handwerker gibt. Der Nachwuchs fehlt. Immer mehr junge Menschen machen Abitur und studieren, das scheint inzwischen einfacher zu sein als eine Lehre und bringt außerdem mehr Renommee. Du wartest Wochen auf einen Maurer oder Klempner, aber wenn du dringend einen Soziologen brauchst, hat er schon morgen Zeit. Ich finde, man sollte die Handwerksberufe in Studienfächer umwandeln. Am Ende der Lehre kriegst du das Abitur. Und statt des Titels "Meister" bekommst du den "Dr. mau" oder den "Dr. rer. klemp". Wir hätten 100 Prozent Akademiker und ein Problem weniger.

In den Texten über den Zerfall des traditionellen Parteiensystems und den Aufschwung neuer Mitbewerber vermisse ich oft den Hinweis, dass dies mit etlichen Alltagsproblemen der Bevölkerung zu tun haben könnte, welche seit Längerem bestehen und dann doch einen gewissen Unmut haben entstehen lassen. Nach einem Schiffbruch ergreift man ja auch jede Planke, die zufällig vorbeitreibt. Und jetzt braucht das Kind auch noch eine Schule!

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