Sylvie Meis: Über Hochzeitsregeln

© Britta Pedersen/dpa
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 25/2019

Sylvie Meis ist ein schlechter Mensch. Das sag nicht ich, das sagt das Internet, und das muss es ja wissen. Denn im Internet wissen die Leute bekanntlich nicht alles, aber alles besser. Zum konkreten Verbrechen von Sylvie Meis, Moderatorin und Model: Sie hatte ein zu schönes Kleid an. Mit Schleppe und Beinschlitz und einem ordentlich getoasteten, glatten Körper darunter. Ein Foto davon teilte sie auf Instagram, denn teilen tut man im Jahr 2019 gern, zumindest mitteilen.

Eigentlich findet das Internet Schönheit ja sehr gut, in diesem Fall fand es sie aber sehr schlecht, denn Meis war auf der Hochzeit ihrer Modelfreundin Barbara Meier in Venedig.

"Schäm dich, Alte", wird also auf Instagram kommentiert, und es wird erklärt, man habe als Frau, die eingeladen ist, der Braut gefälligst nicht die Show zu stehlen. Die Niederländerin Sylvie Meis hatte, vielleicht unwissentlich, die goldene Regel aller deutschen Hochzeiten gebrochen: niemals schöner als die Braut sein. (Lustiger, unterhaltsamer, klüger und gebildeter dürfen weibliche Gäste schon sein.)

Wenn diese goldene Regel wirklich gelten sollte: Was, wenn die Braut in einem T-Shirt heiratet, auf dem groß "BIER FORMTE DIESEN KÖRPER" steht? Muss man dann ein noch hässlicheres Shirt finden?

Außerdem impliziert die goldene Regel, dass Frauen grundsätzlich erwarten, dass sie am Tag ihrer Hochzeit die Schönste im ganzen Land sein dürfen. Und wenn hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen eine noch Schönere lebt, so impliziert die goldene Regel weiter, wird diese eine halt nicht eingeladen.

Was für ein Prinzessinnenkomplex der Braut damit unterstellt wird, ist bemerkenswert. Als wäre Schönsein für die Braut das Allerwichtigste; nicht dass sich der Bräutigam noch schnell umentscheidet, sobald er Sylvie Meis mit Schleppe sieht.

Sich aufwendig zu kleiden ist eigentlich gezollter Respekt. Und gemütlich sah Meis’ Look jedenfalls nicht aus. Wenn der Tag und nicht die Braut extrem schön sein soll, dann sollten es Gäste ruhig übertreiben: Dann müssen Pfauenfedern her, seltsame Hüte, Tiger sollten an Leinen geführt werden, ein Feuerwerk, ein Feiern der Liebe.

Findet Barbara Meier, die Braut, der Sylvie Meis jetzt sogar in dieser Kolumne die Show gestohlen hat, übrigens auch. Sie kommentierte unter das Bild: "Du sahst so wunderschön aus, danke, dass du bei unserem magic moment dabei warst."

Kommentare

184 Kommentare Seite 1 von 16 Kommentieren