Ada Hegerberg: "Fußball ist nach wie vor sehr stark männlich dominiert, der Sexismus sehr ausgeprägt"

© Lorraine Hellwig
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 26/2019

Ich war schon immer sehr neugierig. Schon als Kind wollte ich verstehen, was um mich herum geschieht, wie die Dinge zusammenhängen und funktionieren. Diese Neugier hat meine Träume angefacht. Träume sind sehr wichtig für mich, sie bringen mich voran.

Umgekehrt hat mein Alltag immer direkte Auswirkungen auf meine nächtlichen Träume. Als ich 2012 als 17-Jährige aus Norwegen nach Deutschland kam, um bei Turbine Potsdam zu spielen, hatte ich eine Zeit lang immer wieder Albträume, ausgelöst durch die großen Veränderungen in meinem Leben: ein fremdes Land, fremde Menschen, weit weg von meiner Familie, eine fremde Sprache. Heute habe ich sehr selten Albträume. Ich führe ein glückliches Leben und bin mit mir im Reinen. Das hilft mir, gut zu schlafen und zu träumen. Als ich im vergangenen Jahr mit der Frage gerungen habe, nicht mehr für die norwegische Nationalmannschaft zu spielen, habe ich eine Zeit lang sehr schlecht geschlafen.

Als ich die Entscheidung getroffen hatte, waren die unruhigen Nächte vorbei. Ich bin davon überzeugt, dass diese Entscheidung, die ich mir nicht leicht gemacht habe, richtig war. Ich musste sie so treffen, um nicht zu stagnieren. Und ich wollte auf die schlechten Bedingungen im Frauenfußball aufmerksam machen, ein Zeichen setzen, Position beziehen. Veränderungen passieren nicht von selbst, wir müssen etwas für sie tun, sie zur Not erzwingen.

Seit ich mit dem Ballon d’Or ausgezeichnet wurde, gibt es ein großes öffentliches Interesse an mir und damit, glücklicherweise, auch an meinem Sport. Das hat mich sehr motiviert – ich habe jetzt eine Stimme, die gehört wird, das verbessert meine Möglichkeiten, für Veränderungen zu kämpfen. Mein Traum ist es, diese Möglichkeiten erfolgreich zu nutzen.

Fußball ist nach wie vor sehr stark männlich dominiert, Sexismus und Diskriminierung sind immer noch sehr ausgeprägt. Ich liebe meinen Sport, aber er genießt noch nicht die Anerkennung, die er verdient. Das gilt auch für Frauen im Leistungssport insgesamt und in anderen Bereichen der Gesellschaft. Mir geht es um Respekt und Chancengleichheit. Es geht darum, Frauen die Möglichkeiten zu eröffnen, die ihnen zustehen. Gleichbehandlung sollte ja eigentlich selbstverständlich sein und das Geschlecht kein Grund für eine Benachteiligung. Aber um das zu erreichen, müssen wir Frauen zusammenarbeiten, uns gegenseitig unterstützen, im Sport und in der Gesellschaft. Dann können wir etwas bewirken.

Die stetigen kleinen Veränderungen in meinem Sport zu sehen, die wachsende Wertschätzung für Fußballerinnen – das treibt mich an.

Mein Traum ist es, jungen Frauen und Mädchen dabei zu helfen, selbstbewusst ihren Platz einzufordern. Wir leben in einer Zeit der Veränderung, im Fußball, in der Gesellschaft, in der Welt. Es geht mir jetzt nicht mehr nur um Fußball, um Siege oder Tabellenplatzierungen – es geht darum, gemeinsam voranzukommen. Das ist größer als das Spiel!

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