Bilder: "Ich male nicht, ich schaffe!"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 26/2019

Juli hat eine seltsame Art, Bilder zu malen. Neulich malte sie mir ein Bild zum Vatertag. Vatertag wird bei uns nämlich genauso begangen wie Muttertag. Ich bekomme Frühstück gemacht, und die Kinder schenken mir Blumen. Ich finde das viel schöner, als mit einem Bollerwagen umherzuziehen und Bier zu trinken.

Julis Bild war so, wie man es von einer Fünfjährigen erwarten würde. Es zeigte sie in einem Kleid vor einem Haus. In dem Haus war ein Kinderzimmer. An der Decke baumelte eine Lampe. Über allem ein blauer Himmel mit einer lachenden Sonne. Ich betrachtete das Bild wohlwollend, es kam mir seltsam bekannt vor. "Juli, hast du nicht dasselbe Bild für Mama zum Muttertag gemalt?" – "Hab ich ja wohl gar nicht, Papa, guck mal, auf deinem Bild habe ich gelbe Haare, auf dem Bild für Mama hatte ich orangene Haare!" Tatsächlich, meine Tochter macht es also wie Picasso und Munch. Wenn sie ein Motiv gelungen findet, dann malt sie es serienweise. Das unterscheidet Juli von ihren Geschwistern: Als die in Julis Alter waren, malten sie den ganzen Tag. Sie malten, was das Zeug hielt, alles, was ihnen in den Sinn kam.

Juli malt gerne mit dem Kugelschreiber. Wir haben uns immer wieder gefragt, warum das so ist. Sollte ein Kind in ihrem Alter nicht mehr Freude am kreativen Ausdruck haben? Warum verlangt sie nach einem Kugelschreiber? Dann merkten wir, dass Juli mit diesem Kugelschreiber gar nicht malt, sondern vielmehr Buchstaben zeichnet. So ungefähr all die Buchstaben, die sie kennt. Erst die großen, dann die kleinen. Sie malt eine Reihe EEEEEEEEE und eine Reihe eeeeeeeee. Während sie das macht, stöhnt sie immer wieder und sagt: "Puh, ist das ANSTRENGEND!" Dann schnauft sie ein bisschen und sagt: "Das ist alles GANZ SCHÖN ANSTRENGEND."

Langsam, ganz langsam begreife ich: Juli macht das, was ich mache. Ich komme nach Hause, klappe meinen Laptop auf und reihe Buchstaben aneinander. Dabei betone ich immer wieder, dass das auch Arbeit ist und das Buchstabenaneinanderreihen ANSTRENGEND sein kann, SEHR anstrengend sogar. Und ich bin dann froh, wenn ich es endlich geschafft habe. "Ich male nicht, ich schaffe!", behauptet Juli. Julis Geschwister kommen schließlich auch nach Hause, reihen Buchstaben aneinander und sind froh, wenn sie es geschafft haben. Wenn Juli mit einer Buchstabenreihe fertig ist, kommt sie zu mir und sagt: "Guck mal, was ich geschafft habe!"

Aus Julis Perspektive wäre es ein Rückschritt, wenn sie auf einmal mit bunten Stiften Papier bearbeiten müsste. Für sie hat offenbar das Arbeitsleben angefangen, und dafür möchte sie Anerkennung haben. Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis sie für das Buchstabenaneinanderreihen bezahlt werden möchte, und wie ich ihr dann erklären soll, dass das nicht geht. Und ich frage mich, ob Juli das Gefühl hat, dass ihr Papa ein wirklich guter Buchstabenaneinanderreiher ist. Oder ob sie sich fragt, wie das Buchstabenaneinanderreihen ihrem Vater nach all der Zeit noch so viel Freude machen kann, wo es doch eine wirklich leicht durchschaubare Tätigkeit ist. Und manchmal denke ich, dass es vielleicht gut wäre, ich würde zu Hause mal etwas anderes machen. Ich könnte zum Beispiel ein Bild malen.

Ich habe Juli gefragt, ob wir zusammen ein Bild malen wollen. Und dann hat Juli ganz erstaunt gefragt, ob denn schon bald wieder Vatertag sei. Sie malt also nur auf Bestellung. Wie ein Profi.

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Danke, lieber Vater Prüfer, daß Sie uns haben Anteil nehmen lassen an einer kreativ-neodadaistischen Methode von Buchstaben-Komposition, die unter dem Namen "gemeinjulische Stabreihe" ihren gebührenden Platz finden wird - wie Jackson Pollock das "Action Painting" im Drip-Stil erfunden hat, so wird Julis Form von "Action Writing" als Tipografie gewürdigt werden. Bewahren Sie bitte die vorliegenden Testimonien auf - wie es schon die alten Normannen auf ihren schamanistischen Holzstäbchen ("Futhark") taten. Denn eines ist der frühhistorischen Kapitalismus-Forschung immer schon bewußt gewesen: Schuld an Rechnungslegung und Massenproduktion waren ... die Wikinger ... und die haben so manches geschafft.