Dialekte: Ich und isch

Was haben Martin Schulz und Helmut Kohl gemeinsam? Das "isch", also ihren Umgang mit dem ch-Laut. Den gibt es nämlich im Südwesten – und auch in Sachsen – gar nicht.
Aus der Serie: Deutschlandkarte ZEITmagazin Nr. 26/2019

Quelle: Atlas zur deutschen Alltagssprache (Elspaß/Möller)

Helmut Kohl hatte und Martin Schulz hat ein Problem mit dem Ich und mit der Geschichte – ein Problem mit der Aussprache dieser Wörter, weil darin sch oder ch vorkommt. Kohl stammte aus Ludwigshafen in der Pfalz, Schulz wuchs in der Nähe von Aachen auf, sein Vater stammte aus dem Saarland. Dort und in der Pfalz ist alles sch, ein ch-Laut ist gänzlich unbekannt. Geschischte, Pfirsisch. Das "isch" herrscht außer im Südwesten auch in Sachsen, wo Zischlaute nicht selten sind. Im Süden ist das lieblich klingende "i" eine Konstante. Die Karte zeigt, wie man heute spricht, nicht die ursprünglichen Dialekte. Sonst müsste der ganze Norden ab Krefeld etwa das "ik" zeigen, die nieder- oder plattdeutsche Form. In der Alltagssprache hat sich das "ik" nur an der Küste gehalten und, als Kuriosum, rund um Berlin. Eigentlich verhochdeutschten Zuwanderer Berlin bereits im 15. Jahrhundert. Nur einzelne Wörter blieben niederdeutsch, auch das "ik", das bald als typisch berlinerisch galt. Wer heute "ick" oder "icke" sagt, der sagt das selbstbewusst. Zu einem selbstbewussten "isch", wie es manche Migranten pflegen, konnte sich Kohl nie durchringen. Er flüschtete sisch in Zwichenlaute.

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