Harald Martenstein: Über Kommunisten in Österreich und die filmreife Geschichte der "Roten Fini"

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 26/2019

Kurz nach der Europawahl und dem Video-Event mit HC Strache, wie er in Österreich gern genannt wird, war ich in Wien. Mir fiel auf, dass es in Österreich immer noch eine recht aktive Kommunistische Partei gibt. Die KPÖ hat bei der Wahl zwar nur etwa ein Prozent bekommen, aber sie sitzt in etlichen Kommunalparlamenten. In Graz, ihrer Hochburg, liegt sie bei 20 Prozent. Ich fragte einen Wiener Freund, woher das kommt. Der Freund sagte: "Die KP hat Geld. Es liegt an der Roten Fini." Beweisen kann das natürlich niemand.

Es ist ein Filmstoff.

Die Rote Fini hieß seit ihrer Heirat Rudolfine Steindling. Nach dem Krieg war sie Buchhalterin bei einer Bank. Dort gelang es ihr, das Herz des damals noch anderweitig verehelichten späteren Generaldirektors zu erobern. Adolf Steindling war Holocaust-Überlebender, seinen Vornamen änderte er, nur allzu verständlich, in "Dolly". Fini war, obwohl Bankiersgattin, Mitglied der Kommunistischen Partei und verwaltete das Firmenimperium der KPÖ. Wichtiger war allerdings die ostdeutsche Firma Novum GmbH, Bindeglied der DDR zum Großkapitalismus. Fini organisierte als Chefin diskret den Transfer von Know-how und Kapital von der BRD in Richtung DDR oder umgekehrt, sie war Agentin für Konzerne wie Bosch und Ciba-Geigy, dafür kassierte sie Provisionen. Dolly starb 1983. Nach der Wende verschwand eine halbe Milliarde des DDR-Vermögens, in Westmark, und zwar dorthin, wo die Rote Fini war. Aber wohin genau? Es sind mehrere Prozesse um das Geld geführt worden, mit für den deutschen Staat nur teilweise befriedigendem Ergebnis. Eine große Tranche der halben Milliarde bleibt verschwunden. In einem alten Porträt der ZEIT über sie heißt der Schlüsselsatz: "Sie war mit jeder List vertraut."

Einmal hob Fini mehr als 100 Millionen nach und nach in 51 kleinen Portionen ab, sie mochte Banktresore voller Bargeld, deren Standort nur sie im Kopf hatte, und Juxtenbons, das sind anonyme Aktienanlagen. Die englischen Posträuber waren Amateure, verglichen mit ihr. Finis hartnäckigster Jäger war offenbar, neben Interpol, ebenfalls eine Frau, die Anwältin Marion Westphal, genannt "Theo Waigels Geheimwaffe". Waigel war Finanzminister.

Fini verbrachte viel Zeit in Tel Aviv, wo sie sich sicher fühlte, und spendete für die Gedenkstätte Jad Vaschem. Wenigstens auf diesem Umweg ist also DDR-Vermögen für das Andenken an die jüdischen Nazi-Opfer ausgegeben worden. Sie galt als extrem großzügige Mäzenin für soziale und kulturelle Zwecke. Im Spiegel hieß es: "Sie war wie ein Geldautomat." Sie lebte gut, das hätte sie aber auch mithilfe ihres Erbes als Bankierswitwe geschafft. Ihr Auftreten war bescheiden, heißt es. Seit ein paar Jahren ist sie nun tot, eine der erfolgreichsten Managerinnen ihrer Zeit und gewiss nicht die böseste. Wo mag nur der Rest des Geldes sein? Warum nicht ein bisschen was bei der KPÖ? Es wäre in ihrem Sinn. Schade, dass Hannelore Elsner nicht mehr die Rote Fini spielen kann.

Es ist eine linke Geschichte, ich mag sie. Natürlich widerlegt diese Geschichte ein paar marxistische Dogmen, zum Beispiel: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Es gibt Reiche mit sozialem Gewissen, und es gibt Arme, die haben keins. Fini hat das Geld der DDR für Krankenhäuser in Israel ausgegeben und für die Renovierung der Via Dolorosa, das lag beides nicht auf Parteilinie, die deutschen Behörden hätten sie am liebsten eingebuchtet. Die Menschen sind widersprüchlich und passen in kein Parteiprogramm, können wir uns darauf einigen? Insofern: Ein Hoch auf die ruhmreiche KPÖ!

Kommentare

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Filmreifes Sujet?! Aber sicher doch … Welcher Arbeitstitel müßte Produzentin und Drehbuchschreiber konvenieren? Da hilft der Griff in die Histoklamottenkiste: „Robifine und das Walten in Novum Sharewood“. Nee, zu verkopft … „Heldin in Betonlocken auf Schiebesocken“ - klingt synchronisiert nach „Die Zwei“; Mel Brooks und Kevin Costner lassen grüßen, Publikum rennt weg auf Füßen. Aber die rote Fini ist doch eine R.Hood! Deshalb Rückschau auf verfilmte deutsche Kinderbuch-Klassiker: „Fini Hütchen und die Detektive“ – geht leider nicht … „Einen Moment! rief da der Professor laut. Das Geld ist gestohlen“ (Kästner, 14. Kap.), eben, die Guten suchen nach Stecknadellöchern in den Geldscheinen – und nicht nach Schlupflöchern auf jungfräulichen Krokodil-Inseln. Filmmelodie: „Theo – wir woll’n den Schatz!“. Nicht erhaben genug, halte dagegen mit Wahlwiener Ludwig: „Seid verschlungen, Millionen – diese Schecks der guten Welt“. Heissa, Edelkommunismus im Sinne des Oden-Dichters! Und schon sind spätrevoluzzernde Meenzer-Republikaner gerührt wie Apfelmus, gelle, und encharmiert wie die Grazer Mehlspeisenfräulein …

Doch da fällt der Blick auf den schlingelhaften Zeichner Fengel (s.o.): „Die Füchsin trägt Prawda“ – hach, das isses … schade, Prada war früher da. Aber zum Teufel, die Tasche … very Queen, Maggie-like: „I want my money back“. Moneybag Fini … banksterhaft, hört sich schon sehr nach Brecht an … “Mudder Modrow Finasche”. Landfahrerin-Drama und Kohle - bitte mehr an Hollywood-Movies und Road-Money denken, einfach: „Fini & Marion“. Das deutschsprachige Publikum fühlt verlustbewußt Anders, somit fährt der Kino-Zug ab mit: „Geld nach Nirgendwo“.
P.S. Laut mittlerweile untergegangenen Agenturmeldungen ruht im Tresor der Handschriften-Abteilung einer Staatsbibliothek ein hochmittelalterliches Schriftstück, fragmentarisch, angeblich der älteste gereimte Porno auf Mittelhochdeutsch (Text bisher nur Eingeweihten bekannt) – illustriert am unteren Blattrand mit einem grob gezeichneten Teufel, der eine Handtasche trägt … Wie sagt der traditionsbewußte Kölner da: Leck mi inne Täsch – Sex is money!

"Die Menschen sind widersprüchlich und passen in kein Parteiprogramm, können wir uns darauf einigen?"

selbstverständlich. wenn es da nicht auch solche gäbe, die genau das als ihr lebensziel missverstehen. sobald innere leitplanken fehlen, müssen äussere her.

einigung ist zwar schön. manchmal auch naiv, aber steht doch meist im verdacht eine situation wenigstens zu beruhigen.

"Folgt der Spur des Geldes" (Follow the money, in der Realität so nie gesprochener Kernsatz in der Watergate-Verfilmung "All the President's Men") - das haben Straches verfassungsfeindliche Plaudereien an der Oligarchennichte ("Villagate") mit den raf-fini-erten Scheinchen-Schleiertänzen der Bankierswitwe Steindling gemeinsam. Die Erscheinungsformen des wechselwirkenden Prozesses "Wie gehe ich mit Geld um - und wie geht das Geld mit mir um" sind selbstverständlich different: Von "Deep Throat" (Recherche-Raunzer) über "Keep Moat" (Burgherrin, halt die Gräben sicher!) bis zu "Peep Vote" (Videotisierung des Investitionshelden Instrapso-Heinzi) - alles vertreten im vertraulichen Bimbes-Reigen.