Keanu Reeves: Über Umarmungen

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 26/2019

Keanu Reeves hat es vom Schlittschuhschleifer zum Hollywood-Superstar, Musiker und Schriftsteller gebracht. Und in diesen Tagen beweist er, dass noch mehr in ihm steckt: Auch in der Kunst der berührungslosen Umarmung ist er ein Meister.

Reeves, der, wie es immer heißt, gern mit der U-Bahn zum Filmset fährt, gilt als allürenfreier Star, immerzu bereit, mit seinen Fans für ein Erinnerungsfoto zu posen. Auf den jüngsten Bildern mit weiblichen Fans hält Reeves nun seine Hände stets so deutlich weg von den Frauen, dass die offene Handfläche hinter deren Rücken hervorschaut. Arme von sich strecken, Handflächen schräg nach oben? Das ist eine Haltung, die man von irgendwoher kennt. Mit seinen langen Haaren und dem Zauselbart sieht Reeves ohnehin aus wie ein in die Jahre gekommener Jesus. Glaubt Reeves wirklich, ein Heiland zu sein? Ist er irgendwie in seiner Matrix-Rolle als Erlöserfigur Neo hängen geblieben?

Doch dann erinnert man sich, dass wir natürlich in der #MeToo-Ära leben. In einer Zeit also, in der man nicht nur in Hollywood sorgsam darauf achtet, nicht in den Verdacht zu geraten, dort Hand anzulegen, wo die nicht hingehört. "Seht her", könnte Reeves mit seiner Geste sagen wollen, "ich nutze die Gelegenheit nicht, um den Frauen am Hintern rumzutatschen." Oder kürzer: "Ich bin ganz anders als Donald Trump." Ist der in den sozialen Netzwerken für diese Fotos gefeierte Anti-Trump tatsächlich ein Mann, wie Frauen ihn sich wünschen? Es gibt Indizien, die daran zweifeln lassen.

Denn auf Gruppenfotos, die sich finden lassen, steht Reeves oft isoliert da, hält, die Hände in den Hosentaschen, Abstand, während sich der Rest der Gruppe eifrig umarmt. Reeves sieht dann so aus, als wolle er fliehen. Vielleicht treibt also nicht der Respekt vor Frauen Reeves in die grapschfreie Umarmung, sondern die Angst vor Bazillen und Viren. Es könnte ja an der Kleidung was kreuchen und fleuchen, was krank macht. Ist Reeves womöglich gar kein Vorzeige-Mann, sondern ein krankhafter Kontaktvermeider?

Und gehört Reeves gar zu jener Gruppe von Menschen, die ihr Kontaktbedürfnis nicht mit Mitmenschen ausleben, sondern mit Bäumen? Das würden wir keinesfalls kritisieren, solange er nicht allzu doll an der Rinde rumfummelt, was Bäume sicher nicht mögen. Doch so wie wir den stets netten Hollywood-Star kennengelernt haben, sind wir sicher: Bevor Reeves einen Baum umarmt, fragt er erst mal die Borkenkäfer, ob es ihnen recht ist.

Kommentare

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Ist leider eh aus der Mode gekommen sich zur Begrüßung einfach mal die Hände zu geben.
Das ständige "halbe" oder gar "ganze" Umarmen ist auch für mich einfach nur anstrengend.
Vielleicht stehe ich damit allein da..Aber ich umarme meine Familie aber selbst bei guten Freunden muss das nicht unbedingt sein. Blöd nur, das die dann beleidigt wirken, sollte ich ihnen nur die Hand reichen..
Auch das "Hand auflegen" bei Fotos kann man vor dem Foto doch schnell klären.
Tut man das nicht, lässt das es. Punkt.