Milen Til: Schöner Name

Wir entwickeln unsere Unterschrift als Teenager und müssen den nichtssagenden Schriftzug dann ein Leben lang behalten. Der Künstler Milen Till hat einige Erwachsene gefragt, ob er für sie eine neue Unterschrift zeichnen darf. Von
ZEITmagazin Nr. 26/2019
René Pollesch, eben zum neuen Chef der Berliner Volksbühne ernannt, wird ab der Spielzeit 2021 am Rad dieses Theaters drehen. © Milen Till, Courtesy Crone Berlin Wien

Die Magie der Unterschrift

Ich war zwölf Jahre alt, als ich auf die erste Seite eines Notizbuchs mit blauem Buntstift "Autogramm-Buch" schrieb, daneben malte ich, Sohn eines jüdischen Vaters, einen Davidstern. Er sollte mir wohl Glück bringen auf der Jagd nach Autogrammen.

Das Notizbuch besitze ich zwanzig Jahre später immer noch. Wenn ich es durchblättere, erinnere ich mich, wie ich mich mit meinem besten Freund nach der Schule vor die Nobelhotels meiner Heimatstadt München gestellt und darauf gewartet habe, einen Prominenten zu erspähen. Wobei das mit der Prominenz so eine Sache war. Wir waren nicht sonderlich wählerisch. Ins Buch kam, wer gerade da war: Fußballer des MSV Duisburg, ein DJ namens Mental Theo, die Mitglieder der Band U.N.S. 5. Manchmal war ich mir selbst nicht so sicher, mit wem ich es gerade zu tun hatte, und so steht unter manchen Autogrammen einfach "Radfahrer" oder "Tennisspieler". Die Letzteren bedeuteten mir besonders viel. Auf Boris Becker zum Beispiel warteten wir stundenlang auf einem Parkplatz. Er wollte gerade schon in seinen Geländewagen steigen, als er gnädigerweise noch schnell unterschrieb. In einer Hotelauffahrt schmierte ich dem Kroaten Goran Ivanišević, gefürchtet für seine harten Aufschläge, aus Versehen einen blauen Filzstiftstrich auf seine weiße Trainingsjacke.

Nicht alle waren freundlich zu uns, der chilenische Sandplatz-Spezialist Marcelo Ríos unterschrieb selbst dann nicht, als wir höflich bittend 300 Meter an seiner Seite durch den Englischen Garten joggten. Die beiden Williams-Schwestern, noch nicht so berühmt wie heute, ignorierten uns beim Verlassen ihrer Hotel-Lobby. Ich nehme es ihnen noch immer übel. Dafür finden sich in dem Buch gleich drei Autogramme von Tommy Haas und zwei von Martina Hingis, damals Nummer eins der Weltrangliste.

Manche Autogramme sehen aus wie kleine Kunstwerke – ein Tennisspieler, dessen Namen ich nicht mehr weiß, hat sein Heimatland "Australia" direkt unter seine Signatur gesetzt. Die schwungvolle Unterschrift des Engländers Tim Henman, dem auf dem Wimbledon-Gelände in London ein Hügel gewidmet wurde, könnte man sich gut als Graffito an einem Zugwaggon vorstellen. Und das nach rechts geneigte, in feiner Schreibschrift verfasste "To Sascha, best wishes" des britischen Tennisspielers Greg Rusedski könnte unter einer Einladung zu einer englischen Landhochzeit stehen. Sagt die Art, wie jemand unterschreibt, nicht auch etwas über seine Persönlichkeit aus? Martina Hingis etwa musste privat ein lustiger Mensch sein, warum sonst hatte sie die beiden i-Punkte in ihrem Nachnamen wie Augen eines lachenden Gesichts aussehen lassen?

Ich selbst habe damals meine Unterschrift entwickelt und mich dabei von einem Helden inspirieren lassen: Die Anfangsbuchstaben S und C ragen wie Gebirgsspitzen über die restlichen Buchstaben hinaus. Diese Signatur habe ich beibehalten, noch heute unterschreibe ich wie Boris Becker.

Milen Tills Ausstellung "Signature" ist vom 22. Juni bis zum 31. August in der Galerie Crone, Fasanenstraße 29, in Berlin zu sehen

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