Berufswünsche: "Ich weiß alles über die Milz"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 27/2019

Ich sprach mit meiner Frau über einen Kollegen, der Probleme mit der Milz hat, eine Schwellung, sofern ich das richtig erinnere. "Oh, eine Splenomegalie?", fragte Greta. "Das ist eine ernste Geschichte." Das könne schlimmstenfalls auf eine Leukämie hindeuten. Jetzt war ich doch einigermaßen verwirrt.

"Ich weiß alles über die Milz", sagte Greta. Ich muss sehr erstaunt ausgesehen haben, aber immerhin hatte ich in meinem Leben soeben das erste Kind mit vertieftem Wissen über unterschätzte menschliche Organe getroffen. "Woher weißt du denn was über die Milz?", fragte ich. "Ich habe das bei In aller Freundschaft gesehen." In aller Freundschaft, so erfuhr ich, ist eine Fernsehserie, die in einem Krankenhaus in Sachsen spielt. Es ist die ostdeutsche Version der Schwarzwaldklinik. Greta ist ein großer Fan dieser Serie. Bei In aller Freundschaft kommt alles zusammen: Ärzte arbeiten an ihrem Doktortitel, es gibt Liebe auf den Stationen, Intrigen, Machtkämpfe und schwer zu heilende Patienten. Emotionen, Emotionen, Emotionen und Diagnosen, Diagnosen, Diagnosen. Die Serie läuft seit 1998, ohne dass ich davon etwas mitbekommen hätte. Greta hingegen schaut diese Serie mit größtem Interesse – aber nicht, um die Liebeleien von Dr. Niklas Ahrend zu studieren, sondern die Krankheiten und Verletzungen, die dort geboten werden. Greta will nämlich Ärztin werden. Das ist ihr erklärtes Berufsziel.

In Gretas Alter hatte ich noch keinerlei Ahnung, welchen Beruf ich mal ergreifen sollte. Aber irgendwie wusste ich damals schon: auf jeden Fall nicht Arzt. Denn mein Vater war Arzt, Zahnarzt, um genau zu sein. Ich konnte als Kind nichts Schlechtes an diesem Beruf finden, allerdings war mir total klar, dass ich bestimmt etwas anderes machen wollte. Für meinen Vater war das bitter. Nicht weil er ernsthaft einem Patienten gewünscht hätte, von mir behandelt zu werden, sondern weil es ihm gefallen hätte, wenn seine Kinder den väterlichen Beruf mehr geschätzt und bewundert hätten. Ich wurde dann doch lieber Journalist. Nun habe ich in Greta selbst eine Tochter, die von der gewiss sehr sinnvollen Arbeit des Journalisten ernährt wird. Und doch ganz bestimmt weiß, dass sie diesen Job niemals ausüben möchte. "Ich will GANZ BESTIMMT keine Journalistin werden", sagt Greta. Das ist natürlich bitter für mich. Ich hätte es lieber, wenn meine Tochter meinen Beruf für erstrebenswert hielte. Vermutlich muss man aber nur einem Journalisten bei der Arbeit zuschauen, um keine Lust mehr zu haben, Journalist zu werden. Das Klagen über Stress, Termine und Nackensteifheit. Da erscheint es meiner Tochter allemal erquicklicher, über weiße Flure zu schreiten, über Diagnosen zu reden und leidenden Patienten zu helfen. "An Krankenhäusern gefällt mir einfach alles, Papa, die weißen Kittel, die Krankheiten ..." Ich kann mir Greta ehrlich gesagt ganz gut in einem weißen Kittel vorstellen. Greta interessiert sich für Schicksale, sie interessiert sich dafür, dass der Körper ein zerbrechliches Ding ist und dass er an allen Ecken und Enden anfangen kann kaputtzugehen. Vermutlich werde ich der größte Profiteur sein, indem ich in meiner Tochter eine treue Zuhörerin habe, wenn ich einst über meine ganzen Beschwerden klage.

Ich habe übrigens noch mal bei meinem Kollegen nachgefragt. Es war gar nicht die Milz, die ihm Probleme bereitete, sondern die Galle. Wie gesagt, die Welt hat davon profitiert, dass ich nicht Arzt geworden bin.

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