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Martin Moszkowicz: "Fehler sind Teil unseres Geschäftes und unseres Lebens"

Dem Filmproduzenten hilft ein Credo seines verstorbenen Freunds Bernd Eichinger. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 27/2019

ZEITmagazin: Herr Moszkowicz, Sie haben bei der Constantin 20 Jahre lang mit Bernd Eichinger zusammengearbeitet und ihm sehr nahegestanden. Eichinger starb 2011. Was bedeutete sein Tod für Sie?

Martin Moszkowicz: Es war ein Schock. Ich habe zu früh und vollkommen überraschend einen wirklichen Freund verloren. Sein Tod war für mich eine der größten Stresssituationen in meinem Leben. Ich habe eigentlich kein Problem mit dem Tod, aber ich war unmittelbar dabei, als er starb, und dieses Bild bekomme ich nicht mehr aus meinem Kopf. Wir wussten alle, dass Bernd ein wildes Leben führte und die Kerze von beiden Seiten brennen ließ. In den letzten Jahren hatte er angefangen, etwas vernünftiger zu leben, war in einer glücklichen Beziehung, es war eigentlich alles ganz positiv. Man kann sein Schicksal in der Hand halten, beim Tod geht das eben nicht, das ist das Furchtbare.

ZEITmagazin: Wie sind Sie als Geschäftsführer ohne ihn zurechtgekommen?

Moszkowicz: Ich hatte keinen Plan. Die Meinung war damals, dass die Constantin ohne Bernd nicht überlebensfähig ist. Ich habe mir gesagt, wir müssen es schaffen, diese Erbschaft weiterzuführen, auch mit all dem, was ich von ihm gelernt habe.

ZEITmagazin: Was zum Beispiel?

Moszkowicz: Bernd hat immer versucht, sich so wenig wie möglich von Dritten wie Investoren, Shareholdern oder Banken abhängig zu machen. Dafür hat er sein Leben lang gekämpft. Er wollte die Verantwortung für seine Entscheidungen tragen, auch wenn Fehler passieren. Das ist viel besser, als wenn man gezwungen wird, in eine Richtung zu gehen, die man nicht hundertprozentig vertreten kann. Es ist uns gelungen, diese Unabhängigkeit zu verteidigen. Sein Credo hat uns motiviert und gerettet. Wenn wir ein Projekt für richtig halten, machen wir es. Fremdbestimmtheit ist ein massives Kriterium für Stress und Misserfolg. Wir sind unseres eigenen Glückes Schmied, keiner sagt uns, was wir zu tun haben.

ZEITmagazin: Gab es auch Fehlentscheidungen?

Moszkowicz: Man kann keine Entscheidung treffen, wenn man Angst davor hat, Fehler zu machen. Fehler sind Teil unseres Geschäftes und unseres Lebens. Wir überlegen uns jedes Projekt sehr gründlich, aber manchmal ist der Zeitgeist, der Wettbewerb oder auch das Wetter dagegen. Wenn ein Film im Mai startet und 30 Grad sind, dann geht kein Mensch ins Kino. So ist das halt.

ZEITmagazin: Wo lagen Sie mal total falsch?

Moszkowicz: Vor einigen Jahren haben wir uns auf meine Initiative mit Dreamworks, dem Studio von Steven Spielberg, zusammengetan. Wir werteten deren Filme für drei Jahre in Deutschland aus, im Gegenzug trugen wir einen Teil der Herstellungskosten. Aber die Filme haben hier praktisch alle nicht funktioniert, und wir hatten kaum Mitspracherecht bei der Projektauswahl. Für mich ist Spielberg als Figur bigger than life. Aus Ehrfurcht vor einem der weltweit großartigsten Filmemacher dachte ich, es wäre gut, sich mit ihm zusammenzutun. Ich habe leider teuer dafür zahlen müssen, wir haben viele Millionen in den Sand gesetzt. Aber schlimmer war, dass der Nimbus, den Steven Spielberg für mich verkörperte, Schaden genommen hatte. Ich dachte: Wie kann ein so großartiger Künstler so danebenliegen?

ZEITmagazin: Wie traf dieser Fehler Sie persönlich?

Moszkowicz: Das ist heute noch schmerzhaft. Der potenzielle Erfolg ist einer der Aspekte, die mich an meinem Beruf faszinieren, und ich rede nicht von finanziellem Erfolg. Dieser Beruf hat Suchtcharakter, und ich suche und brauche diesen Kick, diesen echten Rush, wenn man weiß, man hat innerhalb kurzer Zeit Millionen Menschen ins Kino geholt. Wenn ein Film nicht erfolgreich ist, bekomme ich eine tiefe Depression, und davon erhole ich mich auch nicht sofort.

ZEITmagazin: Zuletzt haben Sie den Fall Collini produziert, in dem es um nationalsozialistische Verbrechen geht. Ist das noch ein Thema für das Kino?

Moszkowicz: Es gibt beim Publikum schon eine gewisse Ermüdung, aber wir haben den Film im Vorfeld mit Schulklassen getestet und von vielen gehört: "Davon wusste ich gar nichts." Das sogenannte Dreher-Gesetz von 1968, das rückwirkend fast sämtliche Nazi-Verbrechen verjähren ließ und das im Film eine Rolle spielt, hat Zigtausende Kriegsverbrecher vor Strafe geschützt. Hier kam eine Besonderheit der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte ans Tageslicht, über die kaum ein Mensch heute mehr reden würde, das ist mir schon wichtig.

ZEITmagazin: Ihr Vater hat Auschwitz überlebt, seine Mutter und seine Brüder wurden in der Schoah getötet. Wie hat Sie das geprägt?

Moszkowicz: Das war bei uns zu Hause ein konstantes Thema. Ich habe mich aber erst spät in meiner Jugend intensiv mit dem Thema Antisemitismus auseinandergesetzt. Heute tritt er in Deutschland und in Europa offen zutage, und das ist eine furchtbare Entwicklung. Früher bekam ich anonyme Hassbriefe, heute E-Mails oder Briefe mit vollem Namen. Ich habe keine Angst, aber ich glaube, dass inzwischen die Nazis in Deutschland und in ganz Europa zunehmend an Einfluss gewinnen. Dass man Antisemitismus so offen vor sich herträgt, das ging viele Jahre nicht.

Kommentare

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Drei Aussagen, die mir hier aufgefallen sind:

1. „Man kann keine Entscheidung treffen, wenn man Angst davor hat, Fehler zu machen. Fehler sind Teil unseres Geschäftes und unseres Lebens."

Ich stimme hier bedingt zu, dass man keine Entscheidung treffen kann, wenn man Angst vor Fehler hat, denn nicht jeder kann sich im Leben Fehler - vor allem finanzielle Fehler, denn so deute ich die Antwort - leisten.

2. "Aus Ehrfurcht vor einem der weltweit großartigsten Filmemacher dachte ich, es wäre gut, sich mit ihm zusammenzutun. Ich habe leider teuer dafür zahlen müssen, wir haben viele Millionen in den Sand gesetzt. Aber schlimmer war, dass der Nimbus, den Steven Spielberg für mich verkörperte, Schaden genommen hatte."

Weil die Filme hier alle nicht funktioniert haben, und sie kaum Mitspracherecht bei der Projektauswahl hatten, hat der Nimbus, den Steven Spielberg für Sie verkörperte, Schaden genommen? Das ist harter Tobak, dass Ihre (somit vermeintliche) Bewunderung an dem Erfolg, den Sie sich erhofft hatten, geknüpft war.

3. "Früher bekam ich anonyme Hassbriefe, heute E-Mails oder Briefe mit vollem Namen. Ich habe keine Angst, aber ich glaube, dass inzwischen die Nazis in Deutschland und in ganz Europa zunehmend an Einfluss gewinnen. Dass man Antisemitismus so offen vor sich herträgt, das ging viele Jahre nicht."

Also ist Ihnen ein versteckter Antisemitismus lieber?! Denn wie Sie richtig erkannt haben, war der Antisemitismus nie weg.